Kultur : Rauch ohne Feuer

Der Philosoph und der Friseur: ein Stadtbesuch in Naumburg – eine Woche nach der Landtagswahl von Sachsen-Anhalt

Kerstin Decker

Es ist fast wie früher in der DDR. Als ob es nur eine einzige Partei gäbe. Überall in Naumburg bloß ihre Plakate, noch jetzt, Tage nach der Wahl. Nietzsche hätte sie von seiner Veranda aus gut sehen können. „Wehrt Euch!“, steht da. Oder „Kriminelle Ausländer raus!“ oder „Schnauze voll? Diesmal DVU. Die Quittung für die Bonzen“. Ist das Volkes Stimme, also die Stimme, die das Volk versteht? Wie in ganz Sachsen-Anhalt hat auch in Naumburg eine Partei gewonnen, die gar nicht zur Wahl stand und der gegenüber die anderen eigentümlich wehrlos wirken. Es ist die Partei der Nichtwähler. Schon wieder blickt die ganze Bundesrepublik misstrauisch nach Sachsen-Anhalt: 60 Prozent Nichtwähler. So was gab’s noch nie. So was gibt’s nur im Osten. Oder in den USA.

Wie erkennt man einen Nichtwähler? Sind es die Arbeitslosen oder die Jungen? Oder die arbeitslosen Jungen? Andererseits gibt es ja fast keine Jungen mehr im Osten. Die alten Naumburger Straßen mit den bunten Renaissancetoren sehen irgendwie viel frischer aus als die Naumburger. Dabei sind nicht wenige Häuser hier bald fünfhundert Jahre alt. Es stimmt schon: Früher war alles besser. Da waren wir jung und schön und die Häuser waren alt und hässlich. Heute ist es andersherum. Ist der Mann, der seinen Vorgarten harkt und den kleinen Busch mit Plaste-Ostereiern voll hängt, ein typischer Nichtwähler? Was für ein militanter Wille zur Idylle. Die düstere, blasse Frau mit den beiden Penny-Tüten könnte auch eine Nichtwählerin sein. Das Wählen ist die privateste öffentliche Handlung, die es gibt. Das Nichtwählen auch.

Aber in kleinen Städten wie Naumburg gibt es eine Instanz, die weiß alles, auch das Privateste. Das ist der Friseur. Es gibt erstaunlich viele Friseure hier, beinahe eine Friseurschwemme. Beim Salon „Sturm“ sieht das S von Sturm aus wie bei Windstärke 12 entworfen. Kampflocke. „Individuell und bewegend. Wellen in ihrer kreativsten Form“, verspricht der Aufsteller auf der Herrenstraße. Oben, in der ersten Etage, lila Sessel, ziemlich groß. Hinten steht der Geschäftsinhaber und sieht aus wie der gebürtige Naumburger Nietzsche, als er jung war – ein bisschen nach gar nichts, aber mit Brille. Sturm ist nicht irgendein Friseur, er ist der Wahlsieger von Naumburg. 37,7 Prozent für Daniel Sturm von der CDU, 29 Jahre alt. Den eigenen Friseursalon hat er genau ein Jahr. Sicher ein Familienbetrieb.

Daniel Sturm schüttelt seinen Herren-Fassonschnittkopf, Geschäftsübernahme, sagt er. Vor einem Jahr hieß der Salon noch anders. Inzwischen konnte er trotz der Naumburger Friseurschwemme noch einen neuen Friseur einstellen. Insgesamt sind sie jetzt acht. Eigentlich wollte er lieber Postbeamter werden, aber seine Tanten waren dann doch für Friseur. Er hat Erfahrung mit dem Aufbau und der Leitung von Unternehmen. Parteien sind zuletzt auch nur eine Art Unternehmen. 1994 zum Beispiel gründete er in Naumburg die Junge Union. Da hatte sie genau ein Mitglied. Das war er selber. Und inzwischen ? Sturm macht eine burgenlandkreisüberspannende Geste. Von null auf hundert, sagt er. Das ist sein Lebensmotto. Dabei halten viele seine Generation für die entpolitisierten Nichtwähler schlechthin. Sturm hebt an zum Dementi – und bricht ab. Er ist aus Trotz zur Politik gekommen. Weil die in seiner Klasse nur auf die Politik geschimpft haben, da hat er mal was von „Selbermachen!“ gesagt, und alle haben gelacht. Die Kränkung hat er nicht vergessen. Er brauchte nur noch eine Partei. Genscher hielt damals eine schöne Rede auf dem Naumburger Marktplatz, der früher Wilhelm-Pieck-Platz hieß. Beinahe wäre er zur FDP gegangen. Sturm sieht noch nachträglich erschrocken aus, eine Sieben-Prozent-Partei ist doch ein wenig zu klein für einen Von-null-auf-hundert-Mann.

Seine Klassenkameraden müssten jetzt ziemlich beeindruckt sein vom Jungunternehmer und jüngsten Mitglied des Magdeburger Landtags. Sind sie aber nicht. Die sind nämlich fast alle weg. Abgehauen in den Westen, genau wie früher. Die Jugend kann also nicht die Nichtwähler stellen, denn Jugend im wahlfähigen Alter gibt es nicht viel in Naumburg wie in ganz Sachsen-Anhalt. Die Links-Wähler sind es auch nicht, erklärt Sturm, denn die gehen zu jeder Wahl. „Bei denen ist das noch so drin, wie eine Art Volkssport.“ Er klingt jetzt wie ein alter Traditions-Christdemokrat. Es ist wohl so, die meisten sächsisch-anhaltinischen Nichtwähler sind potenzielle CDU- und FDP-Wähler.

Oder anders: Es sind solche, die glauben, dass sie nichts mehr zu wählen haben. Auch Daniel Sturms Mutter verlor gleich nach der Wende ihre Arbeit. Die Schuhfabrik „Banner des Friedens“ machte zu. Wer will schon Schuhe kaufen, die „Banner des Friedens“ heißen? Ursprünglich war die Schuhfabrik eine Schokoladenfabrik, dann wurde sie umgerüstet und die Belegschaft eben von Schokolade auf Schuhe umgeschult. Irgendwie ging es immer weiter.

Naumburg hat gerade einen Bestseller, da steht das Weitergehen schon im Titel. Der Fotoband heißt „Naumburg. Als die Schornsteine noch rauchten“. Gutes Buch, sehr gutes Buch, das Sie da lesen, sagt der Kellner im „Stadt Aachen“ am Markt. Die erste Auflage habe es nicht mal bis in den Buchladen geschafft, war sofort weg per Bestellung. Dabei ist der Titel schon merkwürdig. Weil in Naumburg die Schornsteine nie wirklich rauchten, abgesehen von den alten Essen auf den alten Häusern mit Außentoilette. Aus denen die Naumburger nach der Wende dann schnell auszogen, als die Stadt Modell für Altstadtsanierung wurde.

Wer keine Lust hatte, künftig mit einer Renaissancesäule im Wohnzimmer zu leben, kam meist auch nicht mehr zurück. In Weimar würden einem das meist Nicht-Weimarer erklären, die Stadt gehört größtenteils Altbundesdeutschen, aber in Naumburg trifft man bemerkenswert viele Naumburger. Mitunter stellen sie sich als Ureinwohner vor. Viele fuhren vor der Wende ins Chemiekombinat Leuna, ein paar Kilometer Richtung Halle. Leuna hatte genauso viele Beschäftigte wie Naumburg heute Einwohner hat. Ungefähr 30 000. Nach der Wende gab es also die Leuna-Arbeitslosen und die innerstädtischen Leichtindustriearbeitslosen. Daniel Sturms Mutter zählte zu den Letzteren. Aber jetzt hat sie wieder einen Beruf: Gebäudereinigung.

Gebäudereinigerin gesucht, steht an der Info-Tafel im Arbeitsamt. Das Arbeitsamt gehört zu den ganz wenigen Nach-Wende-Bauten. Prospektverteiler kann man nur bis dreißig werden, Imbissverkäuferin ab dreißig. Die attraktivste freie Stelle ist Pferdewirt, Monatsgehalt 350 Euro. Ein paar junge Männer sitzen an Computern, sie schauen sich nicht an. Vielleicht gilt es hier schon als schamlos, die Eintretenden einfach anzusehen. Es sind sehr viele. Schlägt hier der eigentliche Puls der Stadt? Manche sehen aus wie Studienräte, wie Menschen mitten aus dem Leben. Aber wie soll denn ein Hartz-IV-Empfänger auch aussehen? Nach einer halben Stunde im Arbeitsamt Naumburg ahnt man, welche Überwindung es kosten muss herzukommen – in einer Stadt, wo jeder jeden kennt.

Wer nicht mehr das Gefühl hat, an der Gesellschaft teilzuhaben, hat auch nichts mehr zu wählen. In Städten wie Naumburg bekommt man ein gutes Gefühl dafür. Erst musste man Bürger sein, also erwerbstätig, wohlhabend, und bekam dafür das Wahlrecht. Einfach umkehren lässt sich das nicht. Wählen statt gesellschaftlicher Teilhabe.

Sachsen-Anhalt, das ewige Schlusslicht? Diesmal wohl eher eine bedenkliche Avantgarde. Die traditionellen Wählermilieus lösen sich auch im Westen auf, im Osten haben sie nie bestanden. So werden in einer Gesellschaft ohne neue Bindekräfte aus Wechselwählern tendenziell Nichtwähler. Immerhin, verführbar wie früher sind die Sachsen-Anhaltiner nicht mehr. 1,5 Millionen Euro soll Herr Frey in den Sachsen-Anhalt-Wahlkampf gesteckt haben. Jungwähler von 18 bis 31 bekamen Extra-Briefe von der DVU. David Sturm las seinen mit besonderem fachlichen Interesse.

Kurz hinter Naumburg sind die Weinberge weg, das Land wird flach. Leuna ist nur noch ein Rest-Leuna. Das Einzige was sich in Sachsen-Anhalt ganz offenkundig bewegt, sind die Windräder. Die meisten glauben, sie kennen keinen Sachsen-Anhaltiner. Falsch. Was ist mit Schultze? Schultze aus „Schultze get’s the Blues“, der mit seinem Akkordeon nach Amerika auswandert. Die Stilllegung von Schultzes Kali-Bergwerk war die Stilllegung einer ganzen Kultur. Es war die Stilllegung von Schultze (Horst Krause). Verglichen mit einem sächsisch-anhaltinischen Windrad war Schultze nur noch eine Randfigur des Lebens, bevor er an den Mississippi kam. Da wurde er dann eine Art letzter Mohikaner. Also jemand mit Würde, seiner ganz eigenen Untergeher-Würde. Kann man sich Schultze in einem Wahllokal vorstellen?

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