Kultur : Rauchende Köpfe

In der Villa Grisebach starten die Frühjahrsauktionen mit Malerei, Fotografie - und zwei Rekorden

Christiane Meixner

So viele Blicke auf einen Schrebergarten. Ein aufgeräumtes Exemplar mit schnurgeraden Beeten im Süden von Wilmersdorf, dem man wenig Aufmerksamkeit widmen würde – wenn der Garten nicht ein Gemälde und dazu eines von Max Beckmann wäre.

Im voll besetzten Saal der Villa Grisebach stritten die Bieter am Freitag um die große Leinwand „Schrebergarten“ mit einem unteren Schätzpreis von 60 000 Euro. Bei 285 600 Euro gab der letzte Konkurrent auf.

Ein guter Auftakt für die großen Frühjahrsauktionen der Villa, die am Donnerstag mit Fotografie aus dem vergangenen Jahrhundert bis heute begann und am Freitag abend mit 100 „Ausgewählten Werken“ fortgesetzt wurde. Beckmann war Los Nummer Neun, und bereits davor konnten für das Gemälde „Café Bauer“ von Lesser Ury (30 000–40 000 Euro) sowie für ein Pastell von Max Liebermann (20 000–30 000 Euro) Zuschläge deutlich über dem Schätzpreis erzielt worden. Bloß eine Farblithografie von Auguste Renoir erreichte die anvisierte Taxe von mindestens 60 000 Euro nicht – Auktionator Peter Graf zu Eltz ließ sie zurückgehen. Dasselbe geschah wenig später mit einem Aquarell von Karl Schmidt-Rottluff.

Gekommen waren die Sammler wohl vor allem wegen dreier expressionistischer Meisterwerke. Der „Landschaft am Ufer (Fehmarn)“ von Ernst Ludwig Kirchner, die wie geschätzt für 2 380 000 Euro in eine norddeutsche Privatsammlung wechselte. Und wegen Emil Noldes abstrakten Seestücks „Abendhimmel und Meer“ von 1937, das einen Endpreis von 2 142 000 Euro erbrachte. Ein Bild, das auch ohne Neubesitzer schon auf der Wunschliste eines Museums stand: Die Kunsthalle in Bielefeld, merkte Peter Graf zu Eltz kurz an, hätte das Werk liebend gern als Leihgabe für eine geplante Ausstellung.

Drittes Meisterstück waren Noldes „Kleine Sommerblumen“, die für 1 900 000 Euro den Besitzer wechselten. Dazwischen aber gab es Sensationen anderer Art: Ein Holzrelief von Hans Arp erzielte statt der erwarteten 180 000 Euro knapp eine Million, und das Ölgemälde „Beziehung 2“ von Eberhard Havekost brachte 236 810 Euro – für diesen Maler ein Weltrekord!

Überraschungen hatte es auch am Abend zuvor während der Fotoauktion gegeben. Dort geriet die Losnummer 1437 ins Visier mehrerer Sammler, die um den „Rauchenden Mann“ von Dieter Blum stritten. Der Fotograf, der für Magazine wie den „Stern“ oder „Vanity Fair“ arbeitet, hat in seiner Serie „Tasting Freedom“ den Mythos vom rauchenden Cowboy wiederbelebt. 1998 sind die Bilder im Auftrag von Marlboro entstanden – jedes für sich ein perfekt inszenierter Moment, der Freiheit und Abenteuer verspricht. Vielleicht waren es diese Aussichten, die jene drei Bieter im Saal zu unerbittlichen Konkurrenten werden ließen – und für einen Rekord sorgten. „Rauchender Mann“, das an eine hessische Privatsammlung ging, hat den höchsten Preis erzielt, der in Deutschland bislang auf einer Fotoauktion bezahlt wurde.

Auf 96 390 Euro kletterte der Preis für das schwarz-weiße Querformat, taxiert war es auf 30 000 bis 35 000 Euro. Ein großartiger Sprung, für den nicht bloß das Motiv gesorgt hat, sondern Blum selbst, der zu den großen Namen unter den zeitgenössischen Fotografen zählt.

Prominente haben es leichter. Das war auch im Saal der Villa Grisebach zu spüren, in dem die Anspannung stieg, sobald ein vertrautes Gesicht auf den Fotografien erschiene. So wurde um Käthe Kollwitz, die Hugo Erfurt 1925 porträtierte, heftig gerungen, bis der Preis bei 10 115 Euro lag. Ähnlich erging es Walter Benjamin auf einem Bild von Gisèle Freund, das auf der Rückseite den Zusatz „unveröffentlichte Fotografie“ trug und bei 3451 Euro (Taxe 1000 bis 1500 Euro) den Besitzer wechselte. Oder Jackson Pollock, den Hans Namuth 1950 bei der Arbeit an einem dripping-Gemälde ablichtete und dessen Atelierszene von geschätzten 1800 auf 4760 Euro stieg. Andere Stars verließen den Saal unverkauft. Ein Vintage von Rainer Werner Fassbinder, auf dem der Filmemacher Zeitung liest, stieß sofort auf Interesse. Das schöne Porträt seiner wichtigsten Schauspielerin Hanna Schygulla hingegen blieb ohne Gebot. Beide waren Anfang der siebziger Jahre von Michael Friedel fotografiert worden, und beide Porträts waren auf jeweils 600 bis 800 Euro taxiert. Allein ein bekanntes Gesicht zählt bei der Entscheidung zum Kauf offenbar doch nicht – der Augenblick und die Atmosphäre müssen ebenso stimmen.

Diese Erfahrung machten auch andere Einlieferer. Bilder von Weegee etwa hätten gleich viermal erworben werden können – alle mit leichten Gebrauchsspuren, wie sie Abzüge von Reportagebildern aus den dreißiger Jahren mit sich bringen. Auf Interesse stieß jedoch nur das ungewöhnlichste Motiv – ein Experiment, auf dem sich Weegee gleich sechsmal auf einem Bild ablichtete (2975 Euro).

Mit Umbo kam dann ein Spezialist für extravagante Perspektiven ins Spiel. Seine eigenwillige Ansicht des Potsdamer Platzes, die der Bauhaus-Fotograf 1935 mit einem Fish-Eye-Objektiv aufgenommen hatte, fand bei der unteren Taxe von 14 280 Euro sofort einen Berliner Privatsammler. Andere experimentelle Aufnahmen gingen zurück, ebenso die Fotografie von Jan Versnel, Ad. Hugo van der Zyl oder Ernst Schieron, deren kühl komponierte Architekturen an diesem Tag ohne Freunde blieb. Kleine Überraschungen waren dagegen Lose wie ein anonymes Porträt von Erna Lendvai-Dircksen (1000–1200 Euro) oder die Nebellandschaft von Emanuel Gyger, um die sich plötzlich Bietergefechte entwickelten, die den Preis der oberen Taxe jeweils mehr als verdoppelten.

Spannung kam schließlich zum Ende noch einmal auf. Mit dem ersten Los der zeitgenössischen Fotografie wechselte nach gut zwei Stunden auch das Publikum. Nun wurde für Nobuyoshi Araki, Franco Fontana oder Nan Goldin geboten, deren wunderbare Farbfotografie „Kim + Mark in my red car“ von geschätzten 2500 Euro auf 4998 stieg.

Ein Schnappschuss von William Eggleston blieb ohne Interessenten, den schön morbiden Amaryllis-Strauß von Hans W. Mende mit einem Schätzpreis von 600 Euro wollten dagegen gleich mehrere besitzen. Am Ende erzielte er das Doppelte.

Das ist kein Vergleich zu jenen 22 610 Euro, die ein Bieter für „Troll 3“ (15 000–20 000 Euro) ausgab, ein digital überarbeitetes Kinderporträt von Loretta Lux. Insgesamt erzielten einige Abzüge solch beachtliche Zuschläge.

Schon das Gesamtergebnis der Fotoauktion summiert sich auf 612 850 Euro, was einer Verkaufsquote von 95 Prozent und Umsatzsteigerungen von zehn Prozent im Vergleich zu 2006 entspricht. Mit den „Ausgewählten Arbeiten“ potenziert sich der Umsatz nun noch einmal. Grisebach darf zufrieden sein.

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