Kultur : Rauchende Obelisken

Karl Friedrich Schinkel stand zwischen Fürsten und Fabrikanten. Berlins Staatliche Museen erforschen sein Lebenswerk.

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Von Preußen kann man dieser Tage nicht reden, ohne Friedrich den Großen zu erwähnen, dessen 300. Geburtstag in diesem Monat begangen wird. Doch Preußen ist nicht allein dessen Machtstaat. Preußen sei eine Idee, wird oft gesagt; und es trifft am ehesten auf die ersten Jahrzehnte nach 1800 zu. Das Zeitalter beider Humboldts war auch das Zeitalter Hegels, der im preußischen Staat die Vernunft zur Erscheinung gekommen sah. Und es war das Zeitalter Schinkels.

Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841) war der Baumeister des 1815 zu europäischer Größe gewachsenen Königreichs, und in gewisser Weise war er der Staatskünstler schlechthin. In seinen Bauten brachte er die idealistische Fundierung des reformierten Preußen zum Ausdruck. Ohne kalendarischen Anlass wird 2012 auch zum Schinkel-Jahr, denn die Staatlichen Museen Berlin und ihr Kupferstichkabinett widmen dem Baumeister, Maler und Entwerfer ab 6. September eine große Ausstellung am Kulturforum. Den Anstoß dazu gab die derzeitige Digitalisierung der rund 5000 eigenhändigen Zeichnungen und Aquarelle, die Ende 2012 abgeschlossen sein soll. Ein Onlinekatalog mit umfassenden Suchfunktionen – etwa der Möglichkeit, in den Skizzenbüchern zu „blättern“ – wird dann den Bestand erschließen.

Schinkels Werk ist ein Dauerthema des Kulturbetriebs, und doch gab es seit den Jubiläumsausstellungen zum 200. Geburtstag 1981, damals hübsch getrennt nach Ost- und West-Berlin, keine umfassende Präsentation mehr. Zuletzt versuchte sich Potsdam vor gut fünf Jahren an Schinkel, verbunden mit der Publikation eines Ortsführers zu den Bauten in und um Berlin. Die kommende Ausstellung versucht, sich dem als Person schwer greifbaren Schinkel über neun Themen zu nähern. Der Titel „Geschichte und Poesie“ bezeichnet zwei Konstanten in Schinkels Denken: die Verankerung in der Geschichte, in griechischer Antike und gotischem Hochmittelalter, und der Bezug zur Poesie, ohne die kein Bauen als Kunst möglich sei.

Es ist ein Problem, dass Schinkel sich als Zeuge für die unterschiedlichsten Vorstellungen von Architektur aufrufen lässt. Sein gebautes Werk ist mitnichten kohärent. Wäre es eine Herabsetzung, in Schinkel unter all seinem Bildungsidealismus, seinem Drang zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts, am Ende den Auftragskünstler zu sehen, der sich den Wünschen seiner Bauherren fügte, vor allem aber der Raison des Staates, dem er als schließlich höchster Baubeamter diente?

Die Schinkel-Forschung hat seit dem letzten Jubiläum große Fortschritte aufzuweisen. An erster Stelle steht die Publikation des „Schinkel-Lebenswerks“, das noch in den letzten Jahren der Weimarer Republik konzipiert wurde, in den Nachkriegsjahrzehnten lange Unterbrechungen erlitt und erst in jüngerer Zeit eine stetige Folge von Bänden hervorgebracht hat. Unlängst erschien mit Band XXI die umfassende Darstellung der „Arbeiten für König Friedrich Wilhelm III. von Preußen und Kronprinz Friedrich Wilhelm (IV.)“ aus der Feder von Eva Börsch-Supan.

König und Kronprinz sind, nur wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Alten Fritz und mit ihm des höfischen Rokoko, die beiden wichtigsten Auftraggeber Schinkels. Es sind seine obersten Vorgesetzten – und der Kronprinz mit seinen fantastischen Vorhaben zugleich sein Quälgeist. Die jahrzehntelange Überforderung und Überarbeitung, der Schinkel sich teils aussetzte und zu der er teils gezwungen wurde, führte denn auch seinen allzu frühen Tod nach Schlaganfall und monatelangem Siechtum herbei.

Für den Kronprinzen und seine Gemahlin Elisabeth Ludovika von Bayern entwarf er eine Wohnung im Berliner Schloss. Auf Schinkel geht auch der Entwurf der Schlosskapelle mit der Kuppel zurück, die allerdings erst durch die kluge Veränderung seines Schülers Stüler ihre dominierende Gestalt erhielt. Charlottenhof, die Erweiterung des benachbarten Parks von Sanssouci, war ursprünglich ein Gutshof, den der König 1825 erwarb und dem Kronprinzen schenkte. Der Kronprinz, ein begabter Zeichner und Amateurarchitekt, deckte Schinkel mit immer neuen Ideen ein. In Potsdam träumte er sich nach Italien und machte unentwegt Vorgaben zum „Antiken Landhaus“ nach der Beschreibung des Plinius. Denn nachdem er 1828 Pompeji besucht hatte, war er über „dies heitre Wesen in allen Formen der Wohnlichkeiten“ entzückt.

Schließlich wünschte er ein Denkmal für Friedrich den Großen in Gestalt eines griechischen Tempels neben Schloss Sanssouci; Schinkel führte auf dem Papier aus, was der Kronprinz skizzierte. „Diese Bilder dienen Friedrich Wilhelm zur Legitimation“, so Rolf Johannsen, einer der Kuratoren der Ausstellung, zu den prinzlichen Bauplänen. 1840 bestieg der Kronprinz als Friedrich Wilhelm IV. den Thron, drei Monate später setzte ein Schlaganfall Schinkels Arbeit ein tragisches Ende.

In scharfem Kontrast zu den Aufgaben, die ihm die königliche Familie stellte, stehen die Entwürfe Schinkels nach seiner Reise auf die britischen Inseln im Sommer 1826. England zeigt ihm eine entwickelte Industriegesellschaft mit allem Glanz und Elend des ungezügelten Kapitalismus. „In Manchester“, schreibt er an seine geliebte Frau Susanne, „sind seit dem Kriege 400 neue große Fabriken für Baumwollspinnerei entstanden, unter denen mehrere Gebäudeanlagen in der Größe des königlichen Schlosses zu Berlin stehn, Tausende von rauchenden Obelisken der Dampfmaschinen ringsum, deren Höhe von 80 bis 180 Fuß allen Eindruck der Kirchtürme zerstört.“ Die soziale Problematik bleibt Schinkel nicht verborgen: „Alle diese Anlagen“, fährt er fort, „haben so enorme Massen von Waren produziert, dass die Welt davon überfüllt ist, jetzt 12 000 Arbeiter auf den Straßen zusammenrottiert stehn, weil sie keine Arbeit haben, nachdem die Stadt schon 6000 Irländer auf eigene Kosten in ihr Vaterland zurückgesendet hat.“

In Preußen hinkte die Entwicklung um Jahrzehnte hinterher. Über die „mir ganz neuen Eindrücke“ schrieb Schinkel halb verwundert, halb distanziert einem Freund in Rom. Die Ewige Stadt markiert den anderen Pol seines Empfindens, den der Italien- und Antikensehnsucht. Doch die Englandreise, die Andreas Haus, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Ausstellung, als „Wende für Schinkel“ bezeichnet, gab Anstoß zu praktischen Entwürfen: für ein Kaufhaus Unter den Linden, eine feuersichere Bibliothek, den – noch Ende des 19. Jahrhundert wieder abgerissenen – Packhof auf der Museumsinsel und schließlich die Bauakademie, die das Vorbild für unzählige Gewerbebauten nach Schinkels Tod lieferte.

Im Spannungsfeld zwischen den rückwärtsgewandten, heiter-verspielten Aufträgen des Hofes für Potsdam und den Erfordernissen einer bürgerlich-urbanen Zukunft ist Schinkels Œuvre angesiedelt. Diese Spannung geht durch Schinkel selbst mitten hindurch. Stets äußert er sich über eine „Idee“, die ein Bauwerk zum Ausdruck bringen soll, weil allein der Architekt „die tiefste Bestimmung des Gebäudes unmittelbar in ihm selbst fühlt“. So schrieb der Baukünstler, als den sich Schinkel bezeichnet, zu Beginn seiner Laufbahn im Pathos der Romantik. Er blieb zeitlebens der Vorstellung treu, der Baukünstler entwerfe ein Gebäude als Materialisierung einer höheren Idee.

Tragisch genug, dass Schinkel, der unter dem Druck des erzkonservativen Kronprinzen und bald darauf Königs Friedrich Wilhelm IV. ein gigantisches Schlossprojekt entwerfen und in sein nie fertig gestelltes „Architektonisches Lehrbuch“ aufnehmen musste, im Vorwort dazu auf dem geschichtlichen Fortschritt beharrt, den doch das neo-absolutistische Königshaus zu verhindern suchte: „Nur das ist ein geschichtlicher Act, der auf irgend eine Weise ein mehr, ein neues Element in die Welt einführt, aus dem sich eine neue Geschichte erzeugt und fortspinnt.“

Den einen Schinkel gibt es nicht. Es gibt viele Facetten und manche Widersprüche. Schinkels patriotische Gesinnung, wie sie im Kreuzberger Viktoria-Denkmal Gestalt annimmt, ist dabei zu berücksichtigen. Wie auch immer, einen größeren Baukünstler hat Preußen nie gesehen.

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