Kultur : "Raucher/Nichtraucher": Im Reigen der Beziehungen

Moritz Schuller

Es ist ein kalter, großartiger Morgen im Westen Berlins. Herr Rodig von der Bücherstube Schoeller fegt das Granulat vom Bürgersteig, an der Ecke, wo Eduard Winter vor einiger Zeit noch Autos verkaufte, werden billige Daunenjacken vor die Tür geschoben, und im Café Caras auf dem Kurfürstendamm sitzt Uwe Lehmann-Brauns von der CDU und trinkt einen Latte Macchiato. Ab und zu blickt er von seiner Zeitung auf, über die Straße hinweg zum Theater am Kurfürstendamm, wo man sich früher traf, um die ewig gleichen Helden zu feiern. Pfitzman ist alt geworden mit seiner Stadt und Juhnke sucht für sein Haus im Grunewald einen Käufer. Es ist Samstag morgen, 10 Uhr 30.

Tief im Bauch des trostlosen Kudammkarees, in der 6. oder 7. Zuschauerreihe des Theaters sitzt Katja Riemann in einem weißen Kleid, das Haar unter einer flachen Haube versteckt. Eine Sommerlandschaft statt Schnee: Bäume sind auf den durchsichtigen Bühnenvorhang gemalt, weiße Klappstühle stehen auf der Bühne. Und im Hintergrund, satt und blau, das Mittelmeer. Katja Riemann beisst von etwas ab und trinkt Tee. "Da ist es, Seite 18. Siehste, mein Fehler." Später wird sie ihr Textbuch suchen, hier, wo sie jetzt sitzt und hinten in der Maske. Ohne Erfolg. "Ja, du hast total recht", sie spricht wieder so laut, als ob Uwe Eric Laufenberg weit weg von ihr sitzen würde. Er sitzt direkt neben ihr, vor dem blau beleuchteten Pult des Regisseurs.

Ein junger Mann beugt sich zu Laufenberg und gibt den Rat, etwas mehr "in diesem britischen Sinne" zu spielen. Und zu Riemann sagt er noch: "Es war total entzückend." Noch sechs Tage sind es bis zur Premiere von Raucher/Nichtraucher, einem Stück des Engländers Alan Ayckbourn. Der erste Durchlauf des 2-Mann-Stücks. Ayckbourn ist der meistgespielte Gegenwartsdramatiker der Welt, Laufenberg hat vor kurzem mit "Berlin Alexanderplatz" am Gorki-Theater Erfolge gefeiert und Katja Riemann, die Filmschauspielerin, hat zuletzt eine Platte aufgenommen, erotische Fotoaufnahmen veröffentlicht und ihr zweites Kinderbuch geschrieben. Warum jetzt wieder die Bühne? "Ist das eine ernstgemeinte Frage?", antwortet sie, mehr nicht. Warum sie so lange nicht auf der Bühne gestanden habe? "Weil ich keine Angebote hatte." Und nach einer kurzen Pause schiebt sie hinterher, eher herablassend als charmant: "Glauben Sie mir nicht?" Woran das liege? "Das müssen Sie nicht mich fragen, sondern diejenigen, die für die Angebote zuständig sind." Und dann verschwindet ihre Grobheit. "Es gibt", sagt Riemann, "eine unglaubliche Berührungsangst der Theaterleute den Filmmenschen gegenüber. Ich finde das sehr schade."

Die beiden nehmen als Mr und Mrs Teasdale auf der Terrasse Platz. Als sich Katja Riemann ihren Ellenbogen am Klappstuhl stösst, ruft sie: "Ich habe mir den Arm gebrochen". "Bis zur Hochzeit wird alles gut!", sagt Laufenberg. Riemann zögert. "Im nächsten Leben." Erst dann beginnt die Probe und Celia Teasdales Kampf mit ihrer trostlosen Ehe: stoisch erträgt sie ihren Mann Toby, den Leiter eines englischen Internats, oder sie verliebt sich in den Gärtner oder sie macht sich mit einem Cateringunternehmen selbstständig. Nicht ein Stück existiert auf der Bühne, sondern immer neue Varianten derselben Grundstruktur, der Ehe der Teasdales nämlich. Alles hängt davon ab, ob sich Celia Teasdale zu Beginn des Stücks eine Zigarette anzündet oder nicht. "Eine Versuchsanordnung" nennt Uwe Laufenberg Ayckbourns Stück, bei der das Publikum mitexperimentieren darf: vor der Pause wird gefragt, welches Ende gespielt werden soll. "Es ist möglich, nur eine Fassung zu spielen", schreibt Alan Ayckbourn, "aber in meinen Augen wäre das Endergebnis längst nicht so befriedigend."

Riemann nennt es ein Stück über die Liebe. Wörtlich sagt sie, dass es um "die Spielarten der Liebe zwischen Mann und Frau geht und um die Unmöglichkeit miteinander zu leben und dennoch darauf zu hoffen, und über die Erwartungshaltung an jenem Punkt, an dem man sich gar nicht mehr ändern kann, weil man so eingefahren ist, aber sich ändern möchte, wieder über die Hoffnung, es muss doch irgendwie gehen, ich bemühe mich nicht genug, oder wenn ich nur anders wäre, darum geht es doch: das Thema zusammenzuleben oder sich zu lieben oder sich nicht mehr zu lieben und sich nur noch daran erinnern zu können."

Und dann nimmt sie einen Schluck aus der großen Apfelsaftschorle, die ihr Annette, die Kellnerin im "Maredo-Steakhaus", gebracht hat. Der lange Samstag, wie er früher hieß, ist inzwischen auch am Kudamm vorüber, die lange Probe auch und Riemann erzählt, dass sie keine Angebote mehr vom Theater bekam. Sie trägt jetzt einen Verband für ihren verletzten Ellenbogen und ihr Haar, das sie unter der spießig-blonden Perrücke der Celia verstecken musste, fällt frei in Locken nach hinten. Am Anfang ihrer Karriere hatte sie in Dieter Dorns Kammerspielen auf der Bühne gestanden, dann in Berlin. "Am Schillertheater habe ich am Ende gar nicht mehr gespielt. Und darum habe ich gedacht: ich muss weggehen, weil es hier keine Arbeit gibt." Riemann, die Filmschauspielerin, die Heldin aus "Abgeschminkt", spricht wie Jutta Lampe, die sich einst über mangelnde Angebote beklagte. Melancholisches im Maredo.

Uwe Eric Laufenberg bestellt sich die "Kleinen Steaks" und einen Salat. "Das ist meine erste Erfahrung mit einem Privattheater", meint der ehemalige Oberspielleiter des Gorki-Theaters. "Ich habe Hochachtung davor, dass man Theater ohne Subventionen macht." Das Theater am Kurfürstendamm ist wieder durch die Scheibe zu sehen. Boulevard? "Die Frage ist doch, ob man noch Theater fürs Publikum machen darf. Wogegen ich mich wehre ist, dass alles in Heiner-Müller-Farben gemalt werden muss. Dann gehe ich lieber zum Boulevard und versuche da Niveau zu machen."

Am Ende der Probe liegt Katja Riemann ausgestreckt auf der Bühne, erschöpft von fast fünf Stunden Theaterspielen. In einer der letzten Szenen hatte Celia den Verstand verloren, kurz vor der Teeparty "Niemand bekommt einen Keks" gebrüllt und dann Laufenberg ins Bein gebissen. Es sei ihr scheißegal, wird sie später sagen, welche Rolle, egal ob Schnitzler, Ibsen, Horvath. Hauptsache Theater. Vom Bühnenboden des Theater am Kurfürstendamm blickt sie nach oben und sagt: "Hoffentlich kommt jetzt der Vorhang nicht runter."

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