Kultur : "Raucher/Nichtraucher": Liebe in den Zeiten der Handbremse

Rüdiger Schaper

Zuerst die gute Nachricht: Der Berliner Boulevard formiert sich neu. Die Stücke werden intelligenter, die Schauspieler prominenter - und die Grenze zum Staatstheater durchlässiger. Nun ist der Brite Alan Ayckbourn, seit Jahrzehnten einer der erfolgreichsten Dramatiker der Welt, nicht gerade das, was man eine überraschende Entdeckung nennen würde. Doch muss man mit seinen misanthropischen Sottisen erst einmal fertig werden. Und das ist die noch bessere Nachricht: Das Theater am Kurfürstendamm rüstet auf. Und sprengt sich mit Ayckbourns "Raucher/Nichtraucher" beinahe selbst in die Luft.

Eine kaputte Ehe. Ein Mann, der säuft, ein ekelhafter Zyniker, und eine domestizierte, angeödete Hausfrau, die sich in die Gartenarbeit stürzt - und auf den Gärtner. So weit ist die Welt in Ordnung. Das Paar spricht sich auch mal aus, aber danach ist alles noch schlimmer. Das Schlimmste ist: Ayckbourn bietet seinen Vertretern der oberen britischen Mittelklasse Auswege an, pseudodramatische Wendepunkte, die in noch engere Sackgassen führen. Und das Publikum darf mitentscheiden bei der Wahl der Qual.

Rauchen oder nicht rauchen, gehen oder bleiben, lieben oder hassen - und sterben, vielleicht. Die große Hamlet-Frage "Sein oder nicht sein" serviert der Boulevard-Terrorist Ayckbourn in (sehr) kleinen Häppchen. Zwei Personen versuchen ihren Autor: Katja Riemann und ihr Partner Uwe Eric Laufenberg, der auch Regisseur des Abends ist, fallen plötzlich aus der Rolle und lassen das Parkett abstimmen. Soll Celia ihren Toby verlassen und mit dem Gärtner eine neue Existenz aufbauen - oder sollen sie es noch mal probieren miteinander? Ein klarer Fall. Die Zuschauer gehen in die Falle. Entscheiden sich für die Trennung - trotz der Warnung, dass es nun erst richtig abwärts geht.

Das Publikum liebt Katja Riemann. Es schlägt sich auf die Seite der hypernervösen, psychologisch misshandelten Celia. Der Mistkerl Toby soll seine Quittung bekommen. Doch Alan Ayckbourn legt, in funkelnder Niedertracht, seinen Geschöpfen Fesseln an, die immer enger werden, je mehr man strampelt und zappelt. "Raucher/Nichtraucher" ist ein Zwei-Personen-Vexierspiel, eine Verkleidungsorgie: Der Schauspieler, der Toby spielt, spielt auch den Gärtner (und einen anderen potenziellen Liebhaber obendrein), und die Schauspielerin der Celia tritt nacheinander auf als zickiges Girl und alte Krawallschachtel.

Eine halsbrecherische Dramaturgie. Leicht zu durchschauen (das macht auch den Reiz aus), aber schwer durchzuhalten. Der Filmstar Katja Riemann ist hinreißend aggressiv und maliziös - wenn sie das giftige alte Fräulein am Krückstock spielt. Als leidende Gattin übertreibt sie ihren Aktionismus und die Weibchen-Töne. Laufenberg wiederum ist als Toby ganz bei sich, seine Pointen kommen hart und ansatzlos, ein Psychopath ohne Gnade, auch gegen sich selbst, während Laufenbergs Gärtner (mit Richard-Gere-Perücke) ein Volltrottel bleibt. Ein Problem der Symmetrie: Immer nur einer beherrscht die Szenerie, siegt klar nach Punkten, der andere lässt sich prügeln. Ein etwas enervierendes Patt. Man wurde den Eindruck nicht los, dass dieser Ehe-Transporter mit angezogener Handbremse fuhr. Aber immer noch wild und rasant genug, um einige verstörte Premierenbesucher aus dem Saal zu treiben und das luftige Bühnenbild von Wolfgang Göbbel buchstäblich aus den Angeln zu heben. Der Boulevard wackelt. Der Boulevard lebt?

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