Kultur : Rauf aufs Pferd der Gedanken! Jeanne d’Aqua

Sechs Begegnungen mit dem dänischen Dichter Hans Christian Andersen – kurz vor seinem 200. Geburtstag

Christiane Peitz

Ach, sie hat wieder ihren Weltschmerz! Die jüngeren Brüder amüsierten sich, wenn die große Schwester am Großwerden litt. Zum Glück gab es die kleine Meerjungfrau. Klar, die war auch ein Sensibelchen, aber was für eins! Diese tapfere, kleine Schwester fürchtet die große Welt nicht, sie rettet den Prinzen aus stürmischen Wellen und küsst ihn am Strand, einfach so. Tolles aquarisches Weib: leidet messerscharfe Höllenqualen für die Liebe, schweigt stumm, traumtänzelt anmutig gegen die Schwerkraft und schwebt am Ende als Luftgeist davon. Ja, dachte die große Schwester, das ist Erwachsensein: ein beißendseliger Schmerz, das zartbittere Glück der Entsagung mit dem süßen Beigeschmack der Melancholie.

Natürlich kam alles anders. Dem Wasserschloss der Kindheit folgte nicht der Verzicht und schon gar nicht holdes Märtyrertum. Schlimmes Frauenmärchenbild: Mit Demut ist dem reichlich fischigen irdischen Dasein nicht beizukommen. Um ein Haar vergaß die große Schwester die kleine Meerjungfrau. Als sie eines Tages im Muschelsaal von Schloss Rheinsberg stand, wehten sie die fernen Klänge aus dem Unterwasser-Ballsaal aber doch wieder an. Und als sie mit Sauerstoffflasche am Korallenriff tauchte, erlebte sie unten am Meeresgrund einen Moment lang den Zauber der Anmut. Als sie jedoch Thomas Manns „Dr. Faustus“ las, worin der Teufel die Kälte von Faustus’ Liebesverzicht ausgerechnet mit den Messerschmerzen der heißen Meerjungfrauenliebe vergleicht, wurde sie wütend. Diese Kerle mit ihrem Selbstmitleid: Deren Nähe hatte die fischschwänzige Heldin aller Weltschmerz-Mädchenkindheiten wahrlich nicht verdient. Denn wo in der Märchenwelt gibt es schon Frauen, die Männer retten und die eigene luftige Seele dazu! Keine Kompromisse, sagte die kleine Meerjungfrau und nahm es sich frech und frei heraus, ein Erdenleben nach eigenem Gusto zu leben. Und Papa Meereskönig hob sein gekröntes Haupt aus dem Wasser und traute sich nicht an Land.

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Neulich im Theater hat mir ein Herr erklärt, der schon sehr viele Filme und Theaterstücke in seinem Leben gesehen hat, woran die heutige Darstellungskunst krankt. Es gibt, meinte er mit einem traurig-trotzigen Ausdruck, unter den jungen Regisseuren heute nur noch Verpackungskünstler. Kaum einer hat im Kino oder im Theater noch etwas zu sagen, es wird eben alles bloß mehr oder weniger kunstvoll eingepackt. Und kaum hatte er seine Rede beendet, da fielen es aus dem Theaterhimmel dicke weiße Flocken: Chips aus Styropor, wie sie in Computerverpackungen und anderen Kisten fragilen Inhalts stecken. Es war wie im Märchen. Ein Wunsch oder eine Verwünschung war ausgesprochen, und schon trat das Gesagte ein.

Ich dachte dann, denn das Stück, das wir sahen, ließ mich trotz seiner Schrecknisse kalt, an Andersen. Wie konnte er das alles erfinden, die Tiere, die Menschen, die belebten Dinge? War die Zeit, in der Andersen lebte, das 19. Jahrhundert, eine glücklichere Zeit, in der man noch einen Inhalt hineintat in die Kunst, während wir die alten Geschichten immer aufs Neue verpacken? Ist das der Grund, warum wir ein Schiller-, ein Jules-Verne-, ein Andersen-Jahr feiern? – Es ging in dem Stück, das wir sahen, um ein verwirrtes Mädchen, das Krieg, Hunger, Vergewaltigung erleidet. Das Stück war von Sarah Kane. Ihre Tragik war, dass sie über alles Elend der Welt schreiben musste und nichts verpackte. Ich dachte daran, dass ich als Kind, wenn man mir Märchen vorlas und ein schlimmes Ende kam, laut schrie und mir die Ohren zuhielt. Ich floh unter den Tisch. Meine erste Begegnung mit Märchen: Panik! Sarah Kane, ein Mädchen mit Schwefelhölzern. Rüdiger Schaper

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Im eisigsten Splitterkleid macht diese Musik der Welt ihre Aufwartung: Die monotonen Klänge der japanischen Mundorgel Sho bekräftigen, was nicht mehr zu ändern ist, ein Klavier schlägt das Totenglöcklein dazu, Fetzen eines Chorals wehen vorüber, und der Epilog des Stücks spricht – getreu nach Andersen und mit den absonderlichsten Wisch- und Zischlauten – vom Sterben: „Der Neujahrsmorgen ging über der kleinen Leiche auf, die mit Streichhölzern dasaß, wovon eine ganze Schachtel verbrannt war.“ Helmut Lachenmann, der hingebungsvollste Eigenbrötler unter den Komponisten der Gegenwart, schreibt seine bislang einzige Oper, nennt sie „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und beschwört damit 1997 in Hamburg ein Ereignis herauf. Die Geburt des Theaters aus dem Geiste der Neuen Musik, eine hocherotische, hochutopische, hochpolitische Provokation des in Verruf geratenen Gesellschaftlichen in der Kunst. Was heißt Erfrieren an dieser Weltwirklichkeit, fragt die Partitur – und weil wir dies nötig haben, die Musik nicht und Andersen zuletzt, baut Lachenmann zwei Textsprengkörper ein: einen Brief, den die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin aus Stammheim schrieb, und Leonardo da Vincis Verse über die „Unruhe des Erkenntnis suchenden Herzens“. So schieben sich die Halden des Schmerzes und des Trostes hart ans Heute heran. Zwanzig Jahre lang hat Lachenmann an diesem Werk gelitten. Einmal fiel ihm die fertige Partitur, so will es die Legende, ins Meer, ein andermal wurde sie ihm aus dem Kofferraum geklaut. Aber seit wann geht es im Leben anders zu als in der Märchen-Oper, in der sich mit dem Erscheinen der Großmutter, die das Mädchen in den Himmel führt, ein Tusch an den anderen reiht – ohne jemals an die Pforte des Paradieses zu rühren? Christine Lemke-Matwey

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Reisen! Schwärmen! Lästern! Andersen war dafür geboren, und wenn er vielen immer noch als Märchenonkel im Schaukelstuhl erscheint – seine Tagebücher (Wallstein) und die „Schattenbilder“ (Insel) der sechswöchigen Deutschlandreise, die er 1831 als 26-Jähriger unternahm, korrigieren Zeile um Zeile das Klischee. „Alles in dem ganzen Universum reist! Selbst der ärmste Mann ist im Besitz des beflügelten Pferdes der Gedanken, und wird dies schwach und alt, dann nimmt ihn doch der Tod mit auf die Reise.“ Auf der Flucht vor seinen Kritikern und einer unglücklichen Liebe kam er von Lübeck bis nach Berlin und sofort zu dem Schluss: „Ich kann nichts dafür, aber die Wahrheit ist, Berlin gefiel mir überhaupt nicht.“ Er ging in die Oper und ins Museum, traf sich mit Adelbert von Chamisso; nichts half: „Alles ist darauf angelegt, zu beeindrucken, doch die Häuser sind nicht hoch, nur langgezogen, damit die Straßen um so länger erscheinen, sie kamen mir vor wie Theaterdekorationen.“ Flucht also durchs Brandenburger Tor, hinaus nach Spandau, hinein ins tiefste Preußen. Auch nach fast 200 Jahren ist das noch eine hinreißende Lektüre. Gregor Dotzauer

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Schiller, erzählt man, habe beim Vorlesen so geschwäbelt, dass sein Publikum die dargebotenen Stücke meist entsetzlich fand. Andersen ist dazu noch eine Steigerung: Nicht nur las er aus seinen Werken vor, nein, er tanzte auch, sang und schauspielerte, und das alles gleichzeitig. Schon sein erster Auftritt in Kopenhagen ist bezeichnend: Madame Schall, Primaballerina am Königlichen Ballett, erhält den Empfehlungsbrief eines ihr unbekannten Buchdruckers aus Odense: Sie möge sich eines gewissen Andersens annehmen. Und schon tritt der Knabe ins Zimmer, 14-jährig, im Konfirmationsanzug und einem Hut, der so groß ist, das er ihm über die Augen rutscht. Was er denn könne, fragt die Diva? Cendrillon tanzen, erwidert er, zieht die Schuhe aus und tanzt auf Socken zum Tambourin, improvisiert Texte und Musik. Die Ballerina wirft ihn hinaus. Die Diskrepanz zwischen innerer Einschätzung und äußerer Erscheinung begleitet Andersen weiterhin: überzeugt, ein begnadeter Schauspieler, Tänzer, Sänger zu sein, ist der Jüngling in ausgewachsenen Kleidern auf der Bühne bestenfalls komisch. Lächerlich zu sein, war Andersens größte Angst. Doch größer war die Überzeugung, für die Literatur geboren zu sein. Die Welt als Wille und Vorstellung: Andersen hat sich, den Ausgangsbedingungen zum Trotz, neu erfunden. Christina Tilmann

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„Und er fühlte, dass er schmolz.“ Der standhafte Soldat schmilzt im Kamin zu einem Klumpen, am nächsten Tag fegt das Hausmädchen die Asche zusammen und findet ein kleines Herz aus Zinn. Wenn der Junge diese Stelle vorgelesen bekommt oder von der Märchenplatte hört, wenn grade keine Zeit zum Vorlesen ist, entsteht ein seltsames Gefühl. Das Herz geht auf. Der kleine Junge kann diese Empfindung nicht benennen, aber vergleichen kann er sie.

Es ist ein Gefühl wie „Das große Ui“. Das Ui ist ein Ausdruck der Familiensprache für eine Art Familienritual. Wenn sich ein klarer Nachthimmel ankündigt, darf der Junge länger als sonst aufbleiben und Vater oder Mutter, die auf einer Gartenliege liegen, auf den Bauch klettern. Unter der Decke hat man es warm, und Vater oder Mutter erzählen etwas vom Weltall und den Sternen. Das Herz öffnet sich.

Viel später lernte der Junge, dass man dieses Gefühl philosophisch das Erhabene nennt. Zum Erhabenen führen lange oder kurze Wege. Als er das lernte, zog er bald die langen Wege den kurzen vor, schaute auf die kurzen ein wenig herab, nannte sie „Kitsch“. Es gab Zeiten, da waren ihm lange Wege wie ein paar Tausend Seiten „Suche nach der verlorenen Zeit“ gerade lang genug. Vielleicht ist es eine Altersfrage, denkt sich heute der Erwachsene, dass die kurzen Wege nie vollständig verschlossen und im Alter sogar die praktischeren sind. Auch heute noch stellt sich beim standhaften Zinnsoldaten genau das gleiche Gefühl ein, das große Ui. „Und als das Mädchen am folgenden Tag die Asche aus dem Kamin nahm, fand sie ihn als kleines Herz aus Zinn.“ Marius Meller

200 Jahre und kein bisschen angestaubt: Zum runden Geburtstag von Hans Christian Andersen (Foto: Stadtmuseum Odense) am 2. April wollen die Dänen das öffentliche Bild ihres beliebtesten Dichters weltweit mit einem Andersen-Jahr gründlich entrümpeln. In Deutschland, wo man den in Odense geborenen und 1875 in Kopenhagen gestorbenen Schriftsteller vor allem als Märchenerzähler kennt, muss man ihn wohl überhaupt erst einmal kennen lernen. Selbst mit seinen Märchen, die oft nur in stark gekürzten Versionen populär geworden sind. Die Gelegenheit war noch nie so günstig: Allein in Deutschland erscheint ein rundes Dutzend Bücher von und über Andersen. Besonders interessant: Andersens Roman „Nur ein Spielmann“ (S. Fischer) und Stig Dalagers Andersen-Roman „Reise in Blau“ (Arche Verlag). Mit unseren Miniaturen geben wir schon einmal einen Vorgeschmack auf den großen Unbekannten.

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