Kultur : Raum für die Weltgeschichte Berlins

Auf den Schlossplatz sollte ein DDR-Museum – das interessiert die Menschen wirklich

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Berlins Jahrhundertfrage nähert sich einer Antwort. Unter Anleitung des Regierenden Bürgermeisters soll eine Bilderverwahranstalt am Humboldthain Gestalt annehmen. Eine Million Euro hat Kunstbär Klaus Wowereit dafür aus dem Lottohonigtopf herausgeschleckt. War das Ärgernis Kunsthalle bisher temporär, wird es jetzt permanent.

Deswegen: Einkehr, Umkehr, ein klares Nein zu einer weiteren Kunstbude! Berlin braucht ein ganz anderes Objekt für Anschauung und Aufklärung – Stadt und Land, Bürger und Gäste benötigen ein Museum für Berlins ganz eigene Geschichte, die nicht weniger als Weltgeschichte ist. Für die Geschichte nach 1945, für die Geschichte in Ost und West. Zahlreich sind die privaten Ausstellungsinitiativen für die Zeitgeschichte, die noch qualmt, und natürlich sind sie so verdienstvoll wie die über Vereine und Stiftungen markierten Mauerorte und betriebenen Gedenkstätten des Stasi-Terrors. Aber sind das Haus am Checkpoint Charlie, das DDR-Museum, das Alliiertenmuseum, sind die wie Buddybären über die Stadt verstreuten Mauerteile wirklich mehr als Vorläufer für das Ganze, das Überwölbende, mehr als Leuchttürme des Desiderats?

Ja, im dringend erforderlichen Zentrum des Erinnerns und Erklärens darf es auch um Lebensumstände, Lebensläufe, um Alltag, um das komplexe Sein und das aufeinander bezogene Bewusstsein jenseits und abseits des Bezugspunktes Mauer gehen. Um Wirklichkeits- und Wahrheitskerne, gewonnen aus der Perspektive der Lebensform DDR. Nach 1990 war daran noch nicht zu denken, eine Mentalitätsgeschichte war nicht vorgesehen, nicht möglich. Schwarz und weiß war das Bild, wo graue Unschärfe jenes System mindestens genauso ausgezeichnet hatte. Wer jetzt an Relativierung denkt, der denkt falsch.

Das allgemeine wie das individuelle Interesse am ganzen Zeitbild ist groß. Alle bestehenden Gedenkstätten und Museen in der Hauptstadt haben im Jahr 2009 deutliche Besucherzuwächse verzeichnet, allein das DDR-Museum beim Berliner Dom meldete einen Anstieg um rund 90 000 auf knapp 399 000 Gäste.

In Bonn, da steht das respektable und angenommene Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. In Berlin, da steht das Deutsche Historische Museum, das mit der überlaufenen Ausstellung „Hitler und die Deutschen“ seine Qualitäten für die allfälligen Themen unter Beweis stellt. Für die Weltgeschichte Berlins, sprich „Honecker und die Deutschen“, scheint die Kompetenz, nicht aber der Raum vorhanden. Egal, der ist anderswo, schräg gegenüber, in fußläufiger Entfernung.

Auf dem Schlossplatz wäre der Platz für ein Museum der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik plus West-Berlin, plus, plus, plus. Ein konkreter Ort, eine klare Sinnstiftung, wo jetzt über die Hüllenfüllung mit balsamierten Einbäumen und monochromen Sitzgelegenheiten für Agorasalons gegrübelt wird. Die Ratlosigkeit wächst, nicht die Überzeugung vom richtigen Plan.

Der Schlossplatz war mal der Platz einer Republik mit einem Palast darauf. Ein DDR-Museum wäre nicht der späte Sieg des Sozialismus à la SED, es wäre die dialektische Aufarbeitung desselben. Die intensivierte Aufklärung ginge auch einher mit einem forcierten Ende der Verklärung.

Und alle singen mit: „Auferstanden aus Ruinen, und der Zukunft zugewandt.“

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