Kultur : Raum für Taten! Jede Stunde zählt!

Wahlkampf auf verlorenem Posten: Andreas Dresens unterhaltsamer Dokumentarfilm „Herr Wichmann von der CDU“

Kerstin Decker

Herr Wichmann ist 25 Jahre alt und kandidiert für die CDU. In der Uckermark. Aber man merkt gar nicht, wie jung Herr Wichmann ist, denn Herr Wichmann ist ein Profi. Bereits mit 25 hat er gelernt, nicht zuzuhören. Er hat gelernt, Antworten zu geben auf Fragen, die ihm keiner stellt. Er hat gelernt, vor Kameras ein ungemein allgemeines Lächeln zu lächeln. Er hat gelernt, mit fünf Sätzen durchs Leben zu kommen („Darum sagen wir: Es ist Zeit für Taten!“). Er nimmt seine Freundin so routiniert in den Arm, wie das niemand tun sollte, wenn er 25 ist. Er ist ein Typus, den es vor zwanzig Jahren vielleicht noch gar nicht gab. Ein Vertreter. Ob für Autos oder Politik – ist das nicht egal?

Aber so kann man diesen Film unmöglich erzählen. Andreas Dresen erzählt seinen Film ja auch anders. Der kleinste Kommentar ist tödlich. Viel zu fundamentalistisch. Niemand, kein Off-Kommentar, möge sich über Herrn Wichmann, 25, aus der Uckermark erheben. Denn niemand kommentiert Herrn Wichmann besser als Herr Wichmann selbst. „Jede Stunde zählt! Ich bedanke mich!“ Solche Übergangslosigkeiten, dem Wahlvolk ins Gesicht gesagt, sind Wichmanns Markenzeichen. „Haben Sie Kinder? Nein? Ich wünsche Ihnen trotzdem viel Glück!“ Sein Hauptfeind ist Markus Meckel. Der gewinnt immer in der Uckermark. Henryk Wichmann steht dort auf verlorenem Posten. Und Menschen mit solchen Standorten sind immer – irgendwie – symphatisch.

So ist er auch ein bisschen Don Quichotte. Ein Windmühlenflügelkämpfer von der traurigen Gestalt. Statt eines Pferdes hat er einen Schirm. Einen rot-weißen CDU-Schirm, und der fällt öfter mal um im Wind über der Uckermark. Das Kameraauge von Andreas Höfer registriert mitleidlos jeden Schirmsturz. Es ist zumeist eine Stativkamera, die schafft so eine Distanz, Handkameras dagegen sind beinahe per se melodramatisch. Wichmann, der glatte Jungdynamiker, legt den Insassen eines Uckermark-Altersheims seine Visitenkarte und einen CDU-Kugelschreiber auf den Tisch. „Waren Sie schon einmal in Berlin?“ fragt er in dem Tonfall, wie man zu Kleinkindern spricht. „Wenn ich gewählt werde“, ergänzt er, „fahren wir alle zusammen nach Berlin.“ Nein, dazu passt nie und nimmer eine Handkamera.

Andreas Dresen hat wieder einen Dokumentarfilm gedreht, nach fast zehn Jahren. Man muss nichts erfinden, man darf nur das Entscheidende nicht verpassen – eine Wichmann-Geste, ein Wichmann-Lächeln. Wahlkampf in einer aus der Zeit gefallenen Region, aus der die Jungen weggehen und nur noch Wichmänner kommen. Die Alten aber wollen bloß seine Kugelschreiber.

Eine Fallstudie über die Kommunikation in Zeiten des Wahlkampfs: Man spricht zu anderen wie zu sich selbst. Da müssen manchmal sogar die Rechtsradikalen den aufklärerischen Part übernehmen: „Wir haben doch auch ein Programm zur Begrenzung der Zuwanderung“, wirbt Wichmann inständig. „Nee, Mensch, ick bin rechtsradikal, verstehste?“ – „Vielleicht überlegen Sie es sich noch mal!“

Henryk Wichmann verbesserte das uckermärkische CDU-Bundestagswahlergebnis letztes Jahr. Von 20 auf 21 Prozent.

Alhambra, Broadway, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Yorck. – Siehe auch Seite 18

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