Kultur : Raum für Visionen

In einem alten Pumpwerk am Ostbahnhof entsteht ein Künstlerhaus für Tänzer und Musiker

Jörg Königsdorf

Den Ort für ihr neues Künstlerhaus hätten Folkert Uhde und Jochen Sandig kaum symbolträchtiger wählen können. Von der Terrasse des „Radialsystems“ blickt man über die Spree auf den ziegelroten Trutzbau der neuen Verdi-Zentrale. Am einen Ufer die Verteidiger minutiös festgelegter Beschäftigungszeiten und Tarifzulagen, am anderen Ufer Musiker, Tänzer, Sänger und Choreografen, deren Alltag das genaue Gegenteil ist. Freiberufliche Künstler, die meist ohne einen Pfennig Subvention auskommen müssen – von Altersabsicherung einmal ganz zu schweigen. Parallelgesellschaften des Kulturbetriebs, zwischen denen der Graben mindestens genauso tief ist wie die Spree.

Tatsächlich sind die Chancen hoch, dass dieses Kulturzentrum namens Radialsystem, das derzeit in einem rund hundert Jahre alten Pumpwerk, kaum fünf Gehminuten vom Ostbahnhof, gebaut wird, bald zum neuen Leuchtturm der Berliner Szene avanciert. Mitten in der kulturell stimulierenden Saumzone von Kreuzberg, Mitte und Friedrichshain, in der Nachbarschaft einer pulsierenden Clubkultur, soll ein Experimentierlabor für die neuen Kunstformen des 21. Jahrhunderts entstehen. Ein Ort, an dem die Grenzen zwischen den Sparten nicht mehr gelten, an dem Tänzer, Musiker und wer immer sonst noch dazu bereit ist, neues Leben in die erstarrte Hochkultur bringen.

Das jedenfalls schwebt Uhde und Sandig vor, die als geschäftsführende Gesellschafter der Radialsystem V GmbH hinter dem Projekt stehen. Beide haben in Berlins Kulturszene einen guten Namen und noch wichtiger, gute Kontakte: Uhde als Teilhaber einer Konzertagentur, die sich vor allem um die Alte Musik kümmert und Manager der Berliner Akademie für Alte Musik, Sandig als Mitbegründer des Tacheles, der Sophiensäle und der Tanzcompagnie seiner Lebensgefährtin Sasha Waltz. Und: Beide waren für ihre Ensembles auf der Suche nach einer künstlerischen Bleibe, als sie sich Ende 2004 bei der gemeinsamen Produktion von Purcells Oper „Dido and Aeneas“ für die Lindenoper kennen lernten.

Sandig und Waltz suchten nach ihrem Auszug aus der Schaubühne ein Domizil, an dem sich ihre Vorstellungen von Tanztheater verwirklichen ließen. Uhde und die Akademie hielten schon länger Ausschau nach Räumlichkeiten, um internationale Koproduktionen in Berlin einstudieren und neue szenisch belebte Konzertformen erproben zu können. Schnell beschlossen die beiden, gemeinsam zu suchen, und wurden fast unmittelbar fündig. Der Architekt Gerhard Spangenberg hatte zu diesem Zeitpunkt gerade für eine Investorengruppe ein Modell für ein Veranstaltungszentrum auf dem Gelände des alten Pumpwerks entwickelt.

„Als wir vor dem Modell standen, wussten wir sofort, dass es genau das war, was wir suchten“, sagt Uhde. Wer sich die Baustelle oder die Raumsimulationen im Internet anschaut, kann diese Begeisterung nachvollziehen. Mit zwei flexibel bespielbaren Hallen von 600 und 400 Quadratmetern im Altbau sowie vier Probenräumen von je 200 Quadratmetern bietet der Komplex ideale Bedingungen für mittelgroße Ensembles wie Waltz’ Compagnie oder ein Kammerorchester wie die Akademie für Alte Musik. Solche Räume sind bislang in Berlin Mangelware – kein Wunder, dass neben diesen beiden Hauptmietern schon jetzt etliche prominente Künstler und Ensembles ihren Willen erklärt haben, die Möglichkeiten des Radialsystems nutzen zu wollen. Der Choreograf William Forsythe beispielsweise, oder die französischen Klavierschwestern Katia und Marielle Labèque, die den Bau zur Deutschlandzentrale ihrer europaweiten Stiftung zur Verschmelzung von Klassik und Videokunst machen möchten.

Fest kontraktiert ist bereits ein internationales Symposium der führenden europäischen Kammerchöre unter Führung des Berliner RIAS-Kammerchors im November, das auch mit einem kleinen Chorfestival verbunden sein wird. Eine eigens gegründete Stiftung mit einem künstlerischen Kuratorium unter Vorsitz von Sasha Waltz soll über das Niveau der Veranstaltungen wachen, und schon jetzt sieht es so aus, als ob sie unter den potenziellen Untermietern auswählen kann. Eröffnet wird zwar erst im September, doch schon jetzt, erklärt Jochen Sandig, würden sich Programmengpässe für das erste Vierteljahr abzeichnen. Das allein reicht jedoch noch nicht aus, um die Kosten zu decken und die gut eine Million Euro Kreditsumme wieder einzubringen, die Sandig und Uhde schon in das Projekt gesteckt haben.

„Unser Finanzierungskonzept ruht auf vier Säulen“, sagt Uhde. „Erstens auf dem Produzieren, sprich der Nutzung der Probenräume. Zweitens auf den Veranstaltungen in den beiden Hallen. Drittens auf Fremdvermietungen, zum Beispiel für Modenschauen und Firmenveranstaltungen. Und viertens auf der Gastronomie, die ein Drittel der Einnahmen bringen soll.“ Ein Konzept, bei dem die schonend renovierten Hallen mit ihrem Jahrhundertwende-Industrieflair ebenso Trümpfe sind wie die Spreeterrasse und die 400 Quadratmeter großen Loggia, an deren Wänden die Strahlen der Abendsonne malerisch flimmern.

Vor allem ihre eigene Generation, die der 40-Jährigen, wollen Sandig und Uhde ansprechen. Das Publikum, das bisher kaum in Theater und Konzertsäle geht, soll durch ein Programm interessiert werden, bei dem Hochkultur, Werkstattcharakter und After-Show-Partys zwanglos ineinander übergehen. Vielleicht schaut ja auch mal jemand von Verdi vorbei. Nach Dienstschluss natürlich.

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