Kultur : Raumpatrouille Bügelfalte

SUSANNA NIEDER

Ein Salon ist ein Ort, wo sich geladene Gäste einfinden, um sich geistreich auszutauschen.Bürgerliche Konventionen in bürgerlichem Ambiente.Man trägt bessere Kleidung, der Ton wird von Gastgeber oder Gastgeberin vorgegeben.Man ißt, man trinkt, gelegentlich wird die Unterhaltung von Darbietungen unterbrochen.

Ein solches Szenario ergibt sich nicht von selbst.Achtundsechzig ist zwar schon dreißig Jahre her, doch gleichzeitig mit dem Mief unter den Talaren ist damals der Sinn für Umgangsformen mit solcher Gründlichkeit weggefegt worden, daß wir uns heute noch damit schwertun.Bügelfalten in der Hose und die Fähigkeit zum gehaltvollen Smalltalk gelten seither als spießig.Dabei war die Sache damit ja nicht erledigt.Das Bedürfnis, mit Formen zu spielen, ab und zu in eine etwas andere Rolle zu schlüpfen, unterschiedliche Möglichkeiten der Kommunikation auszuprobieren, zeigt sich zum Beispiel in der Wiederauferstehung des Gesellschaftstanzes oder in dem neu erwachenden Interesse an Mode und der damit einhergehenden Lust, verschiedene Facetten der eigenen Persönlichkeit hervorzuheben.Oder eben in den Salons, die in den letzten Jahren in Berlin gegründet worden sind.

Einer davon ist das Blaue Zimmer, eingerichtet vom "Theater Wind Spiel".Der vorgegebene Rahmen ist eigentlich mehr die Skizze eines Salons: Blaue Stoffbahnen an den Wänden, blaue Überwürfe über Sitzgelegenheiten, Kerzenlicht und eine Violine, die zu Klavierbegleitung diskrete Caféhausweisen spielt."Schöne Kleidung" war in der Einladung vorgeschlagen, also sitzt man etwas besser gewandet als alle Tage und spürt prompt, wie sich Haltung und Körperspannung verändern.Auf die Dauer ergeben sich Gespräche mit den Umsitzenden, und ganz allmählich dämmert es den Anwesenden, daß sie hier nicht bloße Zuschauer sind, sondern in eine federleichte Illusion hineingebeten wurden.Nicht, daß man fürchten müßte, unvermittelt ins Zentrum der Aufmerksamkeit gezerrt zu werden.Für Vorführungen sind die Gastgeber verantwortlich.

Vor allem ist da Katrin Trostmann, Ensemblemitglied von Theater Wind Spiel und "Salondame".Sie begrüßt die Gäste, trägt Texte vor, stellt unmerklich eine Atmosphäre her, die das Blaue Zimmer mitsamt seinen Gästen ein klein wenig von der Außenwelt abrückt.Während hin und wieder von weither Technobässe wummern, steht drinnen für einen Moment die Zeit still: Das Salon-Szenario wäre hergestellt.Zwischen gesprochenen oder musizierten Einlagen entstehen immer wieder Räume, in denen die Gäste selbst entscheiden, ob sie der Einladung zum Walzer folgen oder ihre Gespräche untereinander fortspinnen wollen.

Es wäre naheliegend gewesen, dem Roten und Grünen Salon der Stadt einen Blauen folgen zu lassen, doch den Initiatoren schien die bescheidenere Bezeichnung Zimmer geeigneter.Was hier stattfindet, ist weder Varietéshow noch Tanztee.Ein bißchen fühlt man sich erinnert an die Zeiten, als das Kind Kind war und im verdunkelten Spielzimmer auf Reisen ging.Bevor der Alltag einen überrollte, genügte auch die Skizze eines Schiffs, und schon blies der Wind ins Segel.Ein Hauch davon ist im Blauen Zimmer zu spüren.

"Das Blaue Zimmer" ist jeweils am letzten Montag im Monat um 20 Uhr im Theater Wind Spiel, Berliner Straße 46, geöffnet.Voranmeldung erbeten unter der Telefonnummer 873 24 10

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