Kultur : "Raumtrieb 2001": Ich bin Kunst

Claudia Keller

"Meine eigene Biographie und der mich umgarnende gesellschaftliche Zusammenhang wurden das Material meiner Arbeit. Am 23. September 2000 erreichte diese Arbeit ihren Höhepunkt: Ich heiratete." Schreibt Bara Bauch. Ihr Hochzeitsfoto ist Teil des Kunstfestivals "Raumtrieb 2001". Auf dem Bild daneben schaut eine Frau mit Würsten unterm Arm zwischen Strümpfen hervor. Gleich dreifach sitzt ein Professor in seiner Küche. Eine andere Kamera hat eine Frau im rosafarbenen Haushaltskittel beim Tischdecken eingefangen, verwackelt, zufällig. Eine Hausfrau ist eine Hausfrau ist eine... Oh nein! Auch die alltäglichste Arbeit kann zur Kunst werden, wenn man nur ein wenig die eigene Linse schärft. "Putzen ist die Urkunst als ordnendes Prinzip schlechthin", sagt Ludia Clamm. Sie ist selbst ernannte "Künstlerputze" und verfügt über eine ansehnliche Sammlung von Berliner Haushaltsdreck, inklusive alter Wischlappen und katalogisierten Proben von Wischwasser.

Man muss sich nicht mit einer Rasierklinge vor laufender Kamera in die Stirn ritzen oder sich ein halbes Ohr abschneiden. Künstlerisches Arbeiten braucht nicht das öffentliche Rampenlicht, sondern entsteht im Verborgenen. Davon ist Uli Hamprecht überzeugt, eine der Organisatorinnen des Festivals. Auf der Suche nach den ganz alltäglichen Spuren künstlerischer Arbeit ist sie auf Lebensläufe gestoßen, die so gar nicht den Klischees eines künstlerischen Werdegangs entsprechen.

Wie entwickelt sich ein Kunstwerk jenseits von Geistesblitzen, wie schärft sich die Linse? Das sind die Fragen, die die Maler, Performer, Musiker vom Projektraum seit zwei Jahren umtreiben und ein internationales Netzwerk von künstlerischen Gratwanderern entstehen ließen. In Rauminstallationen, Konzerten, Film- und Musikperformances geben sie nun ihre Antworten. Und bei opulenten Dinnerabenden. Denn was fördert den Ideenaustausch, das Eintauchen in fremde Wahrnehmungen mehr als gemeinsames Speisen und Trinken?

Der Festivalbesucher ist eingeladen, mitzuessen, mitzutauschen und mitzustaunen. Wie die südkoreanische Malerin Yun-Hee Huh mit Händen und Füßen Kohle auf den weißen Wandflächen verteilt und allmählich selbst zum Bestandteil ihres Bildes wird. Oder wie der polnische Performer Jurek Markowski die Eigendynamik von Eis und Feuer nutzt, um religiöse Rituale zu hinterfragen.

Wenig einschmeichelnd werden wohl die russischen Liebes- und Volkslieder geraten, gesungen von dem Damenchor "Krassnajas". Am 24. Februar werden sie untermalt von den Klängen des 24-köpfigen Atari Computer Orchesters. Danach wird sich das Forum von seinem "Projektraum" in Berlins Mitte lösen, um die Sinne in aller Welt zu verwirren.

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