Kultur : Raumzauberer

Der Bühnenbildner Andreas Reinhardt ist tot

Christoph Funke

Welche Heiterkeit, welches Lächeln über alle menschlichen Abgründe hinweg! Als 1966 Sean O’Caseys „Purpurstaub“ im Berliner Ensemble Premiere hatte, war die Bühne verzaubert. Nein, das ganze Haus. Alles Beständige, Feste, klug Vernünftige hatte sich aufgelöst, in Fantasie, in den befreienden Spaß an bröckelnden Räumen und Fassaden – und, vor allem, an der sturen, liebenswürdigen Festigkeit der Menschen, die aus der Lust am trotzig-bescheidenen Leben in dieser anmutig verrotteten Welt keinen Hehl machten. Bühnenbildner der Aufführung war Andreas Reinhardt, Meisterschüler Karl von Appens und seit dieser Arbeit selbst ein Meister.

Bis 1975, als Reinhardt in die Bundesrepublik übersiedelte, prägte er historisch bedeutsame Aufführungen des DDR-Theaters, in Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Ruth Berghaus, Adolf Dresen, Wolfgang Heinz und Manfred Wekwerth. Er war ein Bühnenbildner, der den Schauspielern reiche Möglichkeiten einräumte, vom platt Wirklichen abzuheben. Reinhardt öffnete mit jeder neuen Ausstattung Räume für Fantasie, steigerte die Architektur der Bauten, die Bildkraft der Kostüme bis ins Groteske und blieb doch immer zeichnerisch überaus genau. Er war oft geradezu entscheidender Mitarbeiter am Gesamtkunstwerk Aufführung, ermöglichte eine elektrisierende Lebendigkeit und Überlegenheit des Spiels, bis hin zu geistsprühender Ironie und Parodie.

Die 1968 in Ost-Berlin heftig umstrittene Faust-Aufführung (Dresen/Heinz) mit Fred Düren ist dafür ebenso Beleg wie 1972 die bedrohlich faszinierende Galgenlandschaft für Manfred Wekwerths Inszenierung von „König Richard III“ (beide Deutsches Theater) oder die betuliche Idylle gescheit infrage stellende Ausstattung des „ Freischütz“ in der Staatsoper (1970, Regie Berghaus).

1975, fertige Entwürfe für eine „Dreigroschenoper“-Inszenierung mussten in der Schublade bleiben, ging Reinhardt nach Westberlin und wurde für zwei Jahre Bühnenbildner an den Staatlichen Schauspielbühnen. Danach arbeitete er vorwiegend für das Musiktheater: in Bayreuth und Salzburg, an allen großen europäischen Opernhäusern und in den USA. An der Deutschen Oper Berlin gehörte er seit dem Amtsantritt von Götz Friedrich zu den prägenden Ausstattern.

Das Werk des am 20. August 1937 in Meißen geborenen Künstlers ist so umfangreich, dass sich Aufzählungen verbieten. Reinhardt, inzwischen Professor an mehreren Kunsthochschulen und Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste, starb am 24. Dezember an einer Herzattacke in München. Dieser Tod, der erst jetzt bekannt wurde, beraubt das deutsche und internationale Theater eines genialen Bild- und Raumfinders. Wird es solche Sinnlichkeit wieder geben? Christoph Funke

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