Kultur : Raumzeichen

Der englische Bildhauer Richard Deacon in der Berliner Galerie Thomas Schulte

Katrin Wittneven

Wie übergroße Sägespäne sehen die Skulpturen aus. Als hätte der Zufall sie zu riesigen Locken geformt. „UW84DC“ nennt der 1949 in Wales geborene Bildhauer Richard Deacon eine seiner jüngeren Werkgruppen. Hinter der ebenso technischen wie kryptischen Buchstabenkette verbirgt sich der poetische Satz „You wait for the sea“. Doch obwohl das Meer in der Formensprache dieser Werkgruppe unterschwellig durchaus eine Rolle spielt und im Angesicht der Holzskulpturen sogar so etwas wie Wellenbewegungen zu erkennen sind, geht es Deacon gerade nicht um Abbildung, sondern vielmehr um die vielschichtige Durchdringung des Raums.

Die erste Berliner Ausstellung mit Werken des Turnerpreisträgers von 1987 in der Galerie Thomas Schulte zeigt gleich drei der Großskulpturen aus der insgesamt fünfzehnteiligen Serie „UW84DC“ (120 000 bis 140 000 Euro). Leicht und pur liegt jede von ihnen direkt auf dem Holzboden. Jede ist ganz eigen, obwohl sie aus einer übersichtlichen Anzahl von gleichen Formenelementen zusammengesetzt ist. Versucht man den verschlungenen Verläufen mit den Augen zu folgen, endet der Blick schnell im leeren Raum. Auch auf den ersten Blick ineinander verzahnte Schlaufen erweisen sich als offene Strukturen. Wie bei einer zur Form gewordenen Zeichnung macht Deacon die Skulptur zum dreidimensionalen Pinselstrich im Raum.

Spontan oder gar zufällig entstehen diese komplexen Formverläufe nicht. Wie andere Skulpturen werden auch sie sorgfältig geplant und aufwändig hergestellt: Die Leisten aus Eschenholz werden in eigens hergestellten Metallformen unter heißem Wasserdampf gebogen. Dass die Prozedur dunkle Spuren auf dem hellen Holz hinterlässt, stört den Künstler dabei nicht. Im Gegenteil: Der Prozess der Entstehung bleibt auf diese Weise sichtbar. Ebenso werden die Aluminiumverbindungen und Schrauben, mit denen die immer acht Einzelelemente zu den großen Schlaufen und Verläufen zusammensetzt werden, in ihrer optischen Präsenz zum gleichberechtigten Element.

Auch bei den kleinformatigeren Metallskulpturen, die an den Galeriewänden zu sehen sind, gibt es einen scheinbaren Widerspruch aus geplanter und zufälliger Form (40 000 Euro). Zwei Metallplatten sind mit Nieten verbunden worden, die amorphe äußere Form wurde festgelegt und die Ränder verschweißt. Durch eine Lücke in der Naht schießt der Künstler anschließend mit großem Druck Wasser in die Hohlräume, das im Metall eine weiche Formenstruktur hinterlässt.

Das in seiner Materialvielfalt sehr heterogene Werk des großen Bildhauers, der in seinem Werk wie seine Kollegen Tony Cragg oder Amish Kapoor das Grundvokabular der Skulptur auslotet, umfasst in jüngster Zeit auch Tonskulpturen. Eine dieser körperliche Dimension erreichenden Plastiken verbirgt sich zurzeit noch in Thomas Schultes Büro, aber spätestens zur Eröffnung des Art Forums in zwei Wochen wird der Galerist der orangen „Plant“ (75 000 Euro) einen besonderen Auftritt in seinen Räumen verschaffen.

Ob sie aus Holz, Metall oder Ton gefertigt wurden, – Deacons Skulpturen erlauben in ihrer Durchlässigkeit und Transparenz immer neue Blickrichtungen und Perspektiven. Der gesamte Raum wird damit zum Bestandteil der Plastiken. In ihrer offenen Dimension scheinen gerade die Skulpturen aus der Serie „UW84DC“ permanent in Bewegung zu sein und kommen damit dem Wesen von Wasseroberflächen näher, als beschreibende Worte es jemals vermögen.

Galerie Thomas Schulte, Mommsenstraße 56, bis 1. November; Montag bis Freitag 11 – 18 Uhr, Sonnabend 11 – 15 Uhr.

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