Kultur : Raus aus dem Sumpf: Richard Rorty zur Einführung

Gregor Dotzauer

Verstehen Wir Nicht. Fehlt uns die Zeit. Brauchen wir nicht. Nicht-Philosophen empfinden Philosophie meistens als Zumutung. Daran sind auch die Philosophen selber schuld. Und wenn einer von ihnen populäre Ambitionen hat, fühlt man sich manchmal gleich so an die Hand genommen, dass einem die Lust am Denken vergeht. Mit Richard Rorty wird man solche Schwierigkeiten nicht bekommen. Erstens drückt er sich grundsätzlich verständlich aus (und versucht einen nicht einmal von der Geheimnislosigkeit der Welt zu überzeugen). Zweitens sind die beiden nun gesammelten Vorträge bestechende Einführungen in das Werk des heute an der Stanford University lehrenden Amerikaners: Texte, die für Nicht-Philosophen vielleicht sogar besonders einleuchtend klingen, weil sie sich nicht mit Problemen wie dem der Letztbegründung herumschlagen, die nur Philosophen für Probleme halten.

Rortys Vortrag über das (zeitgebundene, begrifflich fassbare) Schöne und das (ewige, außersprachliche) Erhabene stammt aus der Berliner Reihe "Erbschaft unserer Zeit". Er ist eine Umformulierung der Frage "Was ist Philosophie?" - und eine Variation über zwei Motive, die schon in seinem wichtigsten Buch "Kontingenz, Ironie und Solidarität" behandelt werden, den Schlüsselbegriffen seines Denkens. Kontingenz: für den Zufall, in welche Zeit man hineingeboren wird, deren Wissen und Werte man weiterträgt. Ironie: für die spielerische Distanz zu angeblich immerwährenden Wahrheiten. Und Solidarität: für die Pflicht, eine Gesellschaft ohne Grausamkeit zu schaffen. Rorty zeigt sich auch hier wieder als Historist, der Vokabulare untersucht, mit der gegensätzliche philosophische Schulen ihre Sicht der Dinge beschreiben - und als jemand, der darauf beharrt, die Bereiche des öffentlichen Engagements und des privaten Zweifels strikt zu trennen. Man muss, wie einige von Rortys Gegnern, schon ziemlich vernagelt sein, um das als Plädoyer für einen postmodernen Relativismus auszulegen.

"Die Intellektuellen und die Armen" wiederum, der zweite Vortrag, liest sich wie die Kurzfassung seines politischen Manifests "Stolz auf unser Land". Er führt Rortys Polemik gegen die Imperative der Political Correctness fort, die nur über Sprachregelungen wacht, statt an der Wirklichkeit etwas zu verändern. "Die Linke muss sich selbst aus dem Sumpf des Multikulturalismus und der Identitätspolitik herausziehen und sich wieder in den Hauptstrom des amerikanischen Lebens eingliedern, indem sie den politischen Prozess ernstnimmt und sich auf eine Gesetzgebung konzentriert, die die Armen vor den Reichen schützt." Das alles lässt sich nicht einfach auf deutsche Verhältnisse übertragen, wo es noch einen Sozialstaat gibt. Doch lernen kann man davon allemal. Schließlich hilft es auch, dem Begriff des Liberalen, der bei uns getrost als Schimpfwort gelten kann, wieder einen Sinn zu geben. Rorty ist ein liberal im besten amerikanischen Verstande.

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