Kultur : Raus aus der Wärmestube

Klaus Staeck, der neue Präsident der Berliner Akademie der Künste, stellt sein Programm vor

Christiane Peitz

Eins möchte Klaus Stack, frisch gewählter Präsident der Akademie der Künste, am Sonntagmorgen gleich klarstellen. „Es schimmelt nicht mehr!“, ruft der 68-jährige Heidelberger Grafikkünstler gut gelaunt in den Plenarsaal des Neubaus am Pariser Platz. Der Schimmel im Keller des Behnisch-Gebäudes, wie er vereinzelt noch in den Medien erwähnt wird, tauge als Metapher nicht mehr. Erstens sei das hier ein „fantastischer Ort, eine wunderbare Herausforderung“. Und zweitens sind „wir angetreten, den Generalverdacht zu widerlegen, die Akademie sei nicht zeitgemäß“. Wir, das sind neben Staeck Vizepräsidentin Nele Hertling und die auf dem Podium versammelten neu- oder wiedergewählten Sektions-Direktoren Volker Braun (Literatur), Thomas Langhoff (Darstellende Kunst), Udo Zimmermann (Musik), Donata Valentin (Baukunst) sowie Hans Helmut Prinzler (Film- und Medienkunst). Gerne wiederholt Staeck den Satz vom „Schnee von gestern“, der zur „Lawine von morgen“ werden kann – ein Bazon-Brock-Zitat, das er schon am Wahlabend angeführt hatte.

Die Akademie hat eine neue Satzung, die dem Sektions-Partikularismus ansatzweise Einhalt gebietet. Das Innenleben der altehrwürdigen Organisation neu organisieren, damit die Außendarstellung besser gelingt: Staeck ist sich seiner Verantwortung bewusst. Er wollte den Job eigentlich nicht und hat in der Nacht nach der Wahl schlecht geschlafen, wie er freimütig gesteht. Erst im zweiten Wahlgang hatte er sich von den 114 anwesenden (bei insgesamt 366) Mitgliedern zum Präsidentenamt überreden lassen, nachdem die anderen Kandidaten, darunter Udo Zimmermann, nicht die erforderliche Stimmenzahl erreicht hatten.

Lawine von morgen? Die Herren und Damen auf dem Podium sind naturgemäß nicht mehr die Jüngsten – an ihrer den Altersdurchschnitt prägenden Praxis, Mitglieder auf Lebenszeit zu wählen, wird die Akademie vorerst nichts ändern. Und wenn Nele Hertling das Haus für die Künstler-Generationen von morgen öffnen möchte, korrigiert Staeck behutsam, die Akademie sei zwar „noch erkenntnishungrig, aber keine Jugendherberge“ – trotz der vielen Herbergsväter und -mütter.

Dem Anspruch der Öffentlichkeit auf mehr Einmischung der mit 18 Millionen Euro vom Bund subventionierten Institution will Staeck sich gleichwohl stellen. Auch der in den Statuten verzeichneten Verpflichtung zur Politikberatung. „Ich verteidige die Politik“: Unabhängig vom eigenen Parteibuch beschwört der passionierte Sozialdemokrat erneut eine große Koalition für die Kultur. Er sei ein Garant dafür, dass die Künstlersozietät sich öffentlich zu Wort meldet und bei Kulturstaatsminister Bernd Neumann mitmischt. Außerdem verspricht Staeck mehr Veranstaltungen mit unverwechselbarem Akademie-Profil. Dafür soll eigens ein Programm-Beauftragter gesucht werden, einer, der den Kulturbetrieb kennt und Debatten zu organisieren versteht, jenseits der Eventkultur. Vom Resolutionswesen hält Staeck nämlich gar nichts.

Welche aktuellen Themen das sind? Als erstes nennt Staeck nicht Iran oder Islam, Migranten- oder Demografie-Fragen, sondern: die Föderalismus-Debatte. Das Podium erwähnt vage die „großen Zukunftsthemen“ Wissenschaft und Umwelt, sorgt sich um die Medien, die immer weniger oder wie im Fernsehen nur nach Mitternacht Platz für Kultur haben, und annonciert für Ende Mai eine Diskussion mit dem Schauspieler und Akademie-Mitglied Ulrich Matthes sowie Goethe-Instituts-Präsidentin Jutta Limbach über den Sinn der Akademie.

Jüngste Meldung: Ab 17. Juni sind im Behnisch-Bau Schätze aus dem Archiv von Johannes Heesters zu sehen. Nichts gegen den legendären, quicklebendigen, 102-jährigen Greis. Bloß das Timing der Meldung ist denkbar ungünstig, ausgerechnet zum Neuanfang einer Akademie, die keine Wärmestube für alternde Künstler sein möchte. Wäre ja gelacht, wenn alles beim Alten bliebe.

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