Kultur : Raus aus der weißen Villa

Witzig und unerbittlich: Silvia Bovenschens tragikomischer Altersroman „Nur Mut“.

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Da hat sich die große Frau Bovenschen aber ein kleines Späßchen erlaubt. Natürlich ein angemessen trauriges, böses, verzweifeltes, kluges, aber eben ein Späßchen. Allein die Konstruktion, die vornehm Distanz hält, jedoch ziemlich platt jeden Unsinn ermöglicht. Dann die Kürze der erzählten Zeit, die gerade mal acht Stunden umfasst. Das Personal, das aus vier alten Schachteln, einer polnischen Köchin, zwei alterstypisch degenerierten Jugendlichen und flüchtig dahingetupften Betrügern und Fabelwesen besteht. Und zuletzt der pittoreske Schauplatz, eine nicht näher verortete Villa am Fluss, die über weitläufige Gemächer und einen Salon mit Flügel und Kristalllüster verfügt.

Dort, in diesem Interieur gewordenen Symbol vergehender Großbürgerherrlichkeit, schlägt das Herz von Silvia Bovenschens Roman „Nur Mut“. Und damit das auch jeder merkt, führt die Berliner Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin wechselnde Räume und Situationen gerne mit einer Uhrzeit ein. Nach Drehbuchmuster also, entsprechend dialogisch angelegt und so luftig geschrieben wie mit viel Durchschuss gesetzt. Diese kriminalistische Bedeutsamkeit vorgaukelnde, beim Lesen ziemlich nervende Echtzeit-Anmutung stellt sich allerdings schnell als Imitation heraus, denn obwohl am Ende des Tages ein Leiche im Haus der alten Damen liegt, hat „Nur Mut“ nichts mit Krimikomödien wie „Arsen und Spitzenhäubchen“ zu tun.

Im Salon der ehemaligen Professorin Charlotte, der internetsüchtigen Schriftstellerin Johanna, des todkranken Fashion-Victims Nadine und der in ihrer Trauer erstarrten Witwe Leonie spielt das Timing schon lange keine Rolle mehr. Auch wenn das dramatische Verstreichen der Zeit, das Kräfteverlieren, der um die Ecke lauernde Tod die Heldinnen immer wieder zu stichelnden Sottisen und schmerzhaften Betrachtungen über den eigenen und weltumspannenden kulturellen Verfall einlädt. Am Ende der in einen märchenhaften Showdown mit etwas zu küchenpsychologischen Erlösungsangeboten mündenden Geschichte stehen die vier Greisinnen – der Drehbuchautor Jean erzählt von ihnen seiner Liebsten, der Journalistin Mary, am Meer in Malibu – sogar völlig außerhalb der Zeit. Auch außerhalb ihres bewohnten Raums und ihrer mit viel Hingabe gelebten Ängste und Zwänge. Sie schwingen sich in ein Fluchtfahrzeug, verschwinden aus der weißen Villa und gehen aus der schnöden Wirklichkeit des Erdendaseins in die Ewigkeit unvollendeter Romanfiguren über.

Für ihre vierte belletristische Arbeit nach „Verschwunden“, „Wer weiß was?“ und „Wie geht es Georg Laub?“ hat die 1946 geborene Silvia Bovenschen mit viel Vergnügen und Gedankenschärfe exzerpiert und angespitzt, was sie seit Jahren umtreibt. Das Altern, der Tod und der imperfekte Körper, die bereits in ihrem Essay „Älter werden“ und in „Verschwunden“ großes Thema waren. Die Mode, die sie in den Achtzigern in „Die Listen der Mode“ analysiert hat. Und als Subtext auch die „Über-Empfindlichkeit“ und das Gender-Thema, denen sie ihren glänzenden 2000er Essay-Band und ihre bereits 1979 erschienene und zum feministischen Klassiker avancierte Kulturgeschichte „Die imaginierte Weiblichkeit“ gewidmet hat. Doch dieses Recycling existenzieller Themen schadet nicht weiter, weil Bovenschen sie ihren klarsichtigen Grantlerinnen in gestochen scharfen und berührenden Sätzen in den Mund legt.

Dazu fügt sich die ironische Grandezza, mit der sie das Milieu der Damenriege zeichnet. Unschwer zu erraten, dass es – wenn auch überzeichnet – ihr eigenes ist. Die in Frankfurt am Main geborene Tochter aus gutem Hause lebt bekanntlich mit der Malerin Sarah Schumann am Lietzensee und ist trotz oder gerade wegen ihrer MS-Krankheit eine eindrucksvolle, zu herzhaftem Gelächter fähige Erscheinung. Das macht, dass „Nur Mut“ sich trotz mancher stilistischer Fahrlässigkeit und trotz des satirisch gemeinten, aber peinlich verzopften Slangs der beiden – ungebremst gehässig bis zart mitleidig gezeichneten – Jugendlichen mit Gewinn lesen lässt. Nicht nur, weil es in der Literatur wie im Leben noch immer viel zu wenige alle Fügsamkeit verweigernde alte Damen gibt. Sondern weil Silvia Bovenschen auch in dieser hier und da rumpelnden Mischung aus Essay und Erzählung einfach eine gute Autorin ist.

„Nur Mut“ ist nicht ganz gelungen, aber es stehen viele gelungene Sätze drin. Einer beschreibt einen Schürhaken, den Charlotte beim Großabräumen ihres wohlanständigen Lebens in Lüstersplitter fallen lässt: „Dort lag er nun inmitten von Blüten und Tropfen aus geschliffenem Kristall, die das schräg hereinfallende Sonnenlicht funkelnd in seine Spektralfarben zerlegten.“ Altersmuster zerlegen, witzig und unerbittlich, sie erst beweinen und dann tapfer neu zusammenkleben – das ist es, was Silvia Bovenschen tut.

Silvia Bovenschen. Nur Mut. Fischer Verlag, Frankfurt/Main, 160 Seiten, 16,99 Euro.

– Buchpremiere mit Bovenschen und Denis Scheck, 15. 8., 20 Uhr, im Literarischen Colloquium, Am Sandwerder 5, Berlin-Wannsee

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