Kultur : Raus aus der Zelle

Regiedebüt (2): „Atmen“ von Karl Markovics.

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Foto: panorama entertainment
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Der Sozialarbeiter kann es nicht fassen, als der Häftling ihm das Stelleninserat über den Tisch schiebt. Ausgerechnet in einem Bestattungsunternehmen will der junge Roman Kogler (Thomas Schubert) als Freigänger arbeiten. Dabei hat er schon panisch den Job in einer Schlosserei hingeschmissen, als der Meister ihm die Schweißermaske überziehen wollte.

Im Knast ist Roman ein Einzelgänger. Er redet nicht viel, die anderen gehen ihm aus dem Weg, die Zelle hat er für sich allein. Wenn er im Schwimmbad seine Bahnen zieht, sitzen die anderen am Beckenrand und springen erst hinein, wenn er aus dem Wasser ist. Auch an der neuen Arbeitsstelle bleibt Roman wortkarg, aber für den Kollegen (Georg Friedrich) steht bald fest, dass der Freigänger nicht zum ersten Mal eine Leiche sieht.

Das Bestattungsunternehmen ist ein Großbetrieb. Da wird nur selten der schwarze Anzug übergezogen und die Limousine vom Hof gefahren. Die meisten Leichname werden per Lastwagen abgeholt und im Kühlcontainer nahe der Autobahn zwischengelagert. „Die richtige Leich’ im richtigen Sorg zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ – so formuliert der Vorarbeiter das Firmen-Credo. Langsam findet Kogler sich ein in die eigentümliche Arbeit, und allmählich stellt er sich auch der eigenen Vergangenheit.

Mit viel Sinn für Rhythmus und Detail entwickelt der österreichische Schauspieler Karl Markovics („Die Fälscher“) in seinem Regiedebüt „Atmen“ nach eigenem Drehbuch behutsam die Seelenstruktur eines 19-jährigen Häftlings, der als Heimzögling einmal einen Jungen ermordet hat. Ähnlich wie seine Regiekollegin Barbara Albert („Nordrand“) setzt Markovics auf einen sozialrealistischen, semidokumentarischen Stil – wobei Kameramann Martin Gschlacht („Revanche“) ganz auf die genreüblichen Wackelbilder verzichtet. So entsteht aus den Alltagsroutinen des Häftlings, von der Leibesvisitation im Gefängnis bis zum Verfrachten der Leichname, behutsam das Bild einer beschädigten Seele. Die Katharsis bleibt aus, nur der anfangs so leere Blick des Freigängers scheint nun bereit, die Welt in sich aufzunehmen. Martin Schwickert

Central, fsk, FT Friedrichshain, Kant

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