Kultur : Rausch ist Schwerstarbeit

Zwei-Euro-Theater: das Berliner „Freischwimmer“-Festival

Christine Wahl

Die Volksbühne erkannte es zuerst: Theatergucken ist harte Arbeit! Als vor einigen Jahren der berüchtigte Ein-Euro-Job aufkam, trat die Castorf-Crew sofort mit einer Veranstaltung auf den Plan, bei der man sich pro absolvierter Parkettstunde eine Münze ausbezahlen lassen konnte. Dieses Verdienstmodell wurde vom Branchennachwuchs inzwischen weiterentwickelt – wie nun das Jungregie-Festival „Freischwimmer“ mit dem Themenschwerpunkt „Rausch“ in den Sophiensälen zeigt. Die gute Nachricht: Die Einkommensquellen sind dabei immens gestiegen! Die schlechte: Absitzen reicht nicht mehr aus; gefragt ist der flexible Teilnehmer.

Bei der Wiener Truppe God’s Entertainment, die zu nachtschlafender Zeit im hippen Mitte-Klub Zurmoebelfabrik eine EU-Party namens „Europa – Schön, dass Sie hier sind!“ feiert, bildet neben dem Biertresen ein improvisiertes Arbeitsamt die tragende Requisite. Verhältnismäßig unbürokratisch kann man sich hier zum Beispiel als „professioneller Knutscher“ auf die Tanzfläche vermitteln lassen und für einen fünfminütigen Zungenkuss mit einem Unbekannten schlappe drei Euro einstreichen. Legt man hinterher noch einen Striptease hin (Jobprofil: „Ausziehen, soviel man will“), hat man immerhin das Eintrittsgeld wieder drin.

God’s Entertainment macht Europa zu einer Art Erlebnispark mit höherem ideellen Anspruch: Die Veranstaltung lebt davon, dass sich die Gesellschaft einen Abend lang tatsächlich vollständig selbst organisiert und im Kleinen reproduziert – in ihrem Hang zum sinnfreien Amüsement ebenso wie in ihren Abgrenzungs- und Ausschlussmechanismen: Wer bei einer der „Razzien“ von einem Zwei-Euro- Jobber in orangefarbener Signalweste ohne Papiere aufgegriffen wird, fliegt umgehend aus dem Klub. Ein süffiges Konzept, das – wie man es von vergleichbaren Fällen bereits gut kennt – in der Praxis vor allem nach Kindergeburtstag aussieht. Zum Beispiel, wenn drei mit Silberpapier und extradoofen Häubchen ausgestattete Frauen über einen roten Teppich laufen, um sich für zwei Euro zur Miss Europa wählen zu lassen und der Trash leider weit hinter den Vorbildern zurückbleibt, die er zu demaskieren gedenkt. Will sagen: Heidi Klums kleine TV-Model-Peinlichkeit erreicht da in ihrer absichtslosen Selbstdemontage einen vielfach höheren Subversionsgrad – weshalb der ideelle Mehrwert der Europaparty im Gegensatz zum materiellen begrenzt bleibt.

Anders sieht das bei der zweiten Produktion des Festivals aus – dem choreografischen „Trip“ der Gruppe White Horse, den man eigentlich wunderbar als Kommentar zu dieser Party lesen könnte: Zu einer Soundcollage, die nach sachgerecht verfremdetem Public Viewing bei der Fußball-WM klingt, arbeiten sich drei Performer mit konditionell anspruchsvollem Dauergrinsen durch monotone, in der Wiederholung zunehmend hohler wirkende und körperlich zugleich anstrengendere Triumph-, Pathos-, Enthemmungs- und Affirmationsgesten: Rausch als Schwerstarbeit!

Um die geht es – wenngleich auf gänzlich andere Art – auch in Julie Pfleiderers und Philipp Beckers Inszenierung „R. – Destillat“ nach Gerhild Steinbruchs teilweise etwas überambitioniertem Text: Eine junge Frau mit alkoholkranker Mutter gruppiert hier in abendfüllender Zwanghaftigkeit Stühle um, so dass das Publikum ständig aufstehen und sich umsetzen muss. Viel deutlicher kann man das Klammern an den Job als Überlebensstrohhalm mitsamt seinen Auswirkungen aufs Gemeinwesen nicht darstellen – zumal das Regieduo viel von Schauspielerführung versteht und sich dabei ständig neue Raumkonzepte und Perspektiven aufs beklemmende Geschehen auftun.

Was man God’s Entertainment allerdings unterm Strich bei ihrem Europaprojekt zugute halten muss: Keine andere der insgesamt sechs eingeladenen Gruppen – so viel kann man bereits zur Festivalmitte sagen – hat ihr von fünf renommierten Off-Bühnen zwischen Berlin und Wien spendiertes Produktionsbudget von 7000 Euro derart nächstenliebend investiert. So kann man die allerorten geforderte gesellschaftliche Teilhabe der Künste auch in Praxis überführen.

Sophiensäle, 11./12. und 14./15. März

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