Kultur : Rauschen gefährdet die Gesundheit

Elektromusiker Stefan Betke verabschiedet sich vom Knistersound

Ralph Geisenhanslüke

Herr Betke sieht nicht so aus, wie ihn sich Liebhaber seiner Musik vielleicht vorstellen. Viele Leute, die Herrn Betkes zarte, minimalistische Schwebeklänge mögen, vermuten dahinter vielleicht einen blassen Jüngling, der gebeugt vor seinem Computer hockt. Aber Herr Betke ist das glatte Gegenteil: ein kompakter, viriler Mittdreißiger, dunkle Haare, energisches Kinn. Stefan Betke ist besser bekannt unter seinem Künstlernamen „pole“ und gehört zu den einflussreichsten unter den vielen Elektromusikanten, die in den letzten Jahren in Berlin ihre Netzstecker in die Dosen gesteckt haben. Pole hat so viele Nachahmer gefunden, dass man das Original kaum noch als Original erkennt.

Der Name rührt von einem Unfall. Genauer gesagt: von einem zu Boden gefallenen Elektrogerät. Noch genauer: von einem defekten Waldorf-4-Pole-Filter. Freunde hatten es Betke schenken wollen, doch just bei der Übergabe verschafften sie ihm durch ein Missgeschick sein künstlerisches Markenzeichen. Normalerweise arbeitet das Gerät ähnlich einem Polarisationsfilter, wie man ihn für eine Kamera benutzt, um störende Reflexionen zu verhindern. Dabei lässt der Filter nur noch Lichtwellen einer bestimmten Ausrichtung durch. Der Waldorf-4-Pole tut das mit Klanginformationen. Ein Ton mit sehr komplexen, eventuell störenden Obertönen, zum Beispiel eine akustische Gitarre, kann mit seiner Hilfe weicher und runder klingen. Aber, wie gesagt: Das Gerät konnte seinem bestimmungsgemäßen Gebrauch nicht zugeführt werden. Als Betke es anschloss, gab es wildes Rauschen und Zischen von sich, gelegentlich auch ein Piepsen und Knacksen, das an einen Gasanzünder erinnerte.

Schon Brian Eno weigerte sich in den Siebzigerjahren manchmal, seine Instrumente reparieren zu lassen. Er hoffte, sie würden mit zunehmenden Defekten eine eigene Persönlichkeit entwickeln. Betke hatte gleich einen ausgereiften Charakterdarsteller in seinem Studio. Die Grundlage für das, was in den vergangenen fünf Jahren als der typische pole-Sound bekannt wurde. Drei Alben, konsequenterweise durchnummeriert und monochrom in blaue, rote und gelbe Pappcover verpackt. Die Trilogie hat den Ruf von pole begründet. Denn erstaunlicherweise war seine Musik kein Sperrfeuer elektroakustischer Fehlinformationen, sondern Balsam für gestresste Geister. Das Knistern klang gemütlich wie ein Lagerfeuer. Pole kann man zum Essen auflegen, als Raumspray für die Vernissage, aber eben auch wirklich hören und darin immer neue Nuancen entdecken. Diese Musik lässt Raum.

Dass Betke diese Eigenständigkeit entwickelte, verdankt sich vielleicht dem Umstand, dass er sowohl in Düsseldorf, wo er aufwuchs, als auch in Köln, wo er später lebte, beinah alle Einflüsse zielstrebig umging. Kraftwerk, DAF, Neu, Der Plan, Can – sie waren alle mindestens eine Generation vor ihm. Betke, obwohl Arbeiterkind, spielt seit seinem vierten Lebensjahr Klavier. Er erinnert sich genau, wie sein Vater, als das musikalische Talent des Sohnes einmal erkannt war, das erste Instrument vom Flohmarkt herbeischaffte. Mit ein paar Kollegen wurde der Kasten in den vierten Stock geschleppt. Es gab Bier und Buletten für die Kollegen und dann stand es da: das Klavier. Ein Instrument im Old-English-Stil, mit schwenkbaren, stark quietschenden Kerzenhaltern. Wenn Betke bei seinen Bach-Etüden zu temperamentvoll in die Pedale trat, setzten sich die Kerzenhalter in Bewegung – vielleicht die erste frühkindliche Prägung, welche Betkes spätere Lust am Störgeräusch erklärt. Aber auch sein älterer Bruder mag ihn beeinflusst haben, als er ihm Musik von John Cage vorspielte. Dessen Stücke ermunterten den Teenager zu eigenen Experimenten, bei denen er nicht davor zurückschreckte, „auch mal Nägel in die Kiste zu kloppen“.

Trotz solcher Wagnisse betätigte Betke sich erstmal als ganz normaler Keyboarder bei der Kölner Jazz-Rock-Band „Perlen vor die Säue“. Köln, sagt Betke, hat eine gewisse Übersichtlichkeit. Da ist alles ordentlich geografisch sortiert. Es gibt die Jazzer im Stadtgarten, die Rocker in Ehrenfeld. Wer mit einer Tüte des HipHop-Ladens „Groove Attack“ in den Techno-Laden „Delirium“ geht, läuft Gefahr, nicht bedient zu werden. Künstlerisches Laubenpiepertum. Betke suchte nach Zwischenräumen und Leerstellen. Er fand sie in Berlin, wo er seit Mitte der Neunziger am Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg lebt und arbeitet. Umzüge fallen ihm nicht schwer. Reduziert wie seine Musik ist auch sein Lebensstil. Er trage immer dieselben drei Hemden sagt er, und er habe es schon als Luxus empfunden, seine Plattensammlung in ein Regal, statt einfach auf den Fußboden zu stellen. Seine Aktivitäten aber wurden immer vielfältiger: Neben dem 1999 mit Barbara Preisinger gegründeten Label „~scape“, auf dem auch die Platten von Kollegen wie Burnt Friedman oder die modernistischen „staedtizism“-Compilations erscheinen, betätigt sich Betke sich auch als Remixer, Studiobetreiber und Produzent.

Seine Vorliebe für tiefe Frequenzen und sein Nebeninstrument, die Melodica, lassen ahnen, dass sich in seiner Sammlung manche Reggae-Platte befindet, von Augustus Pablo, King Tubby oder Lee Perry. Bei seinen ersten Aufnahmen unterließ Betke es bewusst, die etwas aus dem Timing laufenden Basslinien automatisch softwareseitig korrigieren zu lassen. Er wollte, dass es „eierig“ klingt. Aber das Ergebnis als Reggae zu bezeichnen, wie gelegentlich in Kritiken geschehen, geht entschieden zu weit. Das neue Album von Herrn Betke klingt nicht so, wie sich das Liebhaber seiner Musik vielleicht vorstellen. Erstaunlich an dem Werk ist, dass pole sich von seinem Markenzeichen verabschiedet hat. Er habe, sagt Betke, die Möglichkeiten des Knisterns und Knackens ausbuchstabiert. Warum auch sollte er, nach drei CDs und diversen Re-Mixen verbissen daran festhalten? Das kann er seinen Nachahmern überlassen, die das ganze „Clicks ’n’ Cuts“ nennen, und deren Darbietungen an Informatikseminare erinnern, wie überhaupt viele Clubabende, bei denen die Ausführenden nur noch Laptops mitbringen und mit ernster Miene auf ihre Displays starren.

Wer wollte einen Maler darauf festnageln, für alle Ewigkeit nur noch rosa Bilder zu malen oder blaue? Pole gibt es also jetzt ohne Pole-Filter. Dafür mit lebenden Musikern. Mit Saxofon und Kontrabass. Die Liebhaber von Herrn Betkes Musik können nun ein neues Stück des wahren pole entdecken.

Pole: „pole" (CD/do12") erscheint am 7. Juli. Nächstes Konzert: bei der „Shitparade“ am 12. Juli, Maria am Ufer , 21 Uhr.

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