Kultur : Rauschhafte Farbenspiele

ISABEL HERZFELD

Gibt es eine Krise der Neuen Musik? Die sich vor allem im Desinteresse des breiten Publikums, in der esoterischen Beschränktheit ausdrückt? Wer den fulminanten Auftritt des Arditti-Quartetts bei der Musikbiennale erlebt hat, glaubt das kaum.Der Kleine Saal im Berliner Schauspielhaus ist brechend voll wie sonst nur bei Beethoven-Serien berühmter Formationen, ein aufmerksames, dankbares Publikum, in dem sich neben grauen Komponisten-Eminenzen viel Jugend zeigt.Das läßt glauben, die Musik müsse nur gut interpretiert sein wie von dem englischen Star-Quartett, das sich dabei - anders als etwa das amerikanische Kronos-Quartett - keinerlei Anbiederungen an modische Strömungen erlaubt.Im Gegenteil, diese drei Abende sind vollgepackt mit fordernder Substanz.Sie bearbeiten in aufschlußreichen Bezügen die Themen "Thonhöhen", "Klangfarben" und "polyphone Rhythmen".

Die Fülle manifestiert sich in den drei großen Schlußstücken, gewissermaßen schon Klassiker der Quartettliteratur: Luigi Nonos "Fragmente - Stille.An Diotima", Helmut Lachenmanns "Reigen seliger Geister" und "Tetras" von Iannis Xenakis.Dagegen haben drei Uraufführungen anzukämpfen, deren interssante Ansätze in der illustren Nachbarschaft vielleicht ein wenig untergehen.Am ehesten kann sich da "HZH-Streichquartett Nr.1" von Atli Ingolfsson behaupten."Haut - Zunge - Herz" ist mit dem Titel gemeint, Eindruck, sprachlicher Austausch und dessen Rhythmisierung im Vers.Der 37jährige isländische Komponist, nach Studien am Pariser IRCAM in Bologna lebend, kann hier verschiedene "Sprachen" spanungsvoll integrieren: theatralische Steigerungen eines stillen Flageolettbeginns mit lakonisch brummendem Cello-Kommentar, Glissandofetzen und flüchtige Läufe mit hereinwehenden Tanzrhythmen und beinahe "minimalistisch" hartnäckigen Dreiklangbesprechungen, bis nur noch zarte Klopfgeräusche und verlorene Flatterfiguren übrig bleiben.Die fugierten Intervallspiele des "Canto mnémico" von Julio Estrada, die virtuos-kompakten Gesten des "Adagissimo" von Brian Ferneyhough stimmten auf diese lange sensible Erzählung ein, Appetithäppchen von würziger Kürze.

Sensible Einsichten in den Formungsprozeß des musikalischen Materials hat sicher auch Jamilia Jazylbekova, doch der Musik der früheren Schülerin Younghi Paagh-Paans ist das wenig anzumerken, schon gar nicht als Einbeziehung von Traditionen ihrer kasachischen Heimat.Gewiß in "Si toutes les feuilles des arbres étaient des langues" rascheln auch die Blätter mit mannigfachen Pizzikato-Abstufungen, doch das bleibt bloße Reihung, entwickelt keine Poesie.Die bleibt Helmut Lachenmann vorbehalten, dessen flüsternde Springbogen-Kaskaden, leise schnaufende Akzente, knarrende Bogendruck-Attacken, scharfes "Insekten"-Flirren unendlich viel feiner sind.Bei Georg Katzers Streichquartett Nr.3 zirpen die Grillen wieder kräftiger - die eher als abstrakte Farbe aufgenommene Klanganregung entwickelt hier plötzlich expressive, traditoineller berührende Sprachähnlichkeit.

Auch der Amerikaner Erik Lund, der sich als Musiktheoretiker mit Vinko Globokars Sprach-Spielen beschäftigte, erfüllt die Erwartungen nicht.Die literarische Vorlage von Italo Calvino - mit der Parabel von den einen Brückenbogen haltenden Steinen auch Machtstrukturen beschreibend - erscheint ein wenig platt in den Dialog zackig polternder Rhythmen und zerbörselnder "Antworten" umgesetzt.

Wieviel amüsanter in der Einfachheit der Idee, erstaunlich in der Vielschichtigkeit der Ergebnisse ist dagegen "String Quartet Nr.3" des spät entdeckten Außenseiters Conlon Nancarrow: gleiche Stimmen werden als Kanon in verschiedenen Tempi gespielt.Mit rauschhafter Intensität machen die Ardittis auch das komplexe Linienspiel bei Xenakis zum dionysischen Taumel, ziehen in den magischen Sog dunkler und heller Farbschichten.Doch das alles verstummt vor dem opus summum des Luigi Nono, in dem jeder Ton als sinnvoll erfahren wird, sprödes, weit verstreutes Klangmaterial, zum Greifen nahe, stumme und beredte Stille sich zu letzten Botschaften auflädt.

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