Ravi Shankar : Das Zirpen Gottes

Urvater der Weltmusik: zum Tod des indischen Sitarvirtuosen Ravi Shankar.

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Zwischen Ost und West. Ravi Shankar in Neu-Delhi (2004). Foto: AFP
Zwischen Ost und West. Ravi Shankar in Neu-Delhi (2004). Foto: AFPFoto: AFP

Um die Sitar und die indische Musik in vollem Umfang zu lernen und zu begreifen, warnte er alle psychedelischen Schwärmer, brauche man mehr als ein Menschenalter. Wenn diesem Ideal im Lauf von 92 Jahren zusammen mit einer Handvoll weiterer Instrumentalisten einer jedoch zumindest nahe gekommen ist, so war es Ravi Shankar.

Der Streit, ob er auch der bedeutendste Sitarspieler des 20. Jahrhunderts war, lässt sich durchaus zugunsten von Nikhil Banerjee entscheiden, dem anderen Meisterschüler des Sarodspielers Allauddin Khan, bei dem Shankar in Maihar im Bundesstaat Madhya Pradesh siebeneinhalb Jahre lang in die Lehre ging. Keine Diskussion kann es allerdings darüber geben, dass er der bedeutendste Botschafter seiner Musik im Westen war.

Ohne Ravi Shankar hätte niemand das obertönige Zirpen und Schwirren der Langhalslaute im Ohr, die heute in allem, was indische Spiritualität andeuten soll, den Ton angibt. Ohne ihn hätte sich nicht früh das Wissen durchgesetzt, was einen Raga ausmacht, nämlich jene erst auf-, dann absteigende und bis in die mikrotonale Abweichung festgelegte Grundlinie, die mit einem der neun Rasas, den alle Künste durchwirkenden Grundstimmungen, und einem der Talas, den mathematisch präzise aufgeteilten Rhythmuszyklen, über Tausende von Abwandlungen in stundenlange Improvisationen münden kann.

Vor allem hätte es ohne ihn aber nicht jene Bereitschaft für eine aus allen Erdteilen strömende Weltmusik gegeben, die in ihrer sich anbiedernden Gesichtslosigkeit die freiwillige Unterwerfung unter eine konsumistische Leitkultur sein kann – aber auch die erhellende Fusion von Traditionen, die voneinander lernen können und im besten Fall etwas Eigenständiges ausbilden. Ravi Shankar war sich der Ambivalenz seiner Mission von früher Jugend an bewusst.

„Die Sitar zu lernen, um darauf Popmusik zu spielen“, glaubte er, „ist so ähnlich, als würde jemand das chinesische Alphabet lernen, um englische Gedichte zu schreiben.“ Selber ein Grenzgänger zwischen den Kulturen, hielt es ihn jedenfalls nicht davon ab, George Harrison in den Anfangsgründen des Sitarspiels zu unterweisen. Das prominenteste Ergebnis dieser bald zur Freundschaft geadelten Begegnung ist das von Harrison für die Beatles komponierte und mit einer Sitar aufwartende „Norwegian Wood“, das eine regelrechte Welle von ragasüchtigen Bands und Titeln nach sich zog: von Jefferson Airplane bis zur Incredible String Band.

Das war in vielen Fällen Musik für Pot- und Acidheads. Shankar sah den Drogenkonsum bald mit Misstrauen, weil er schon seine Musik allein für bewusstseinserweiternd hielt. Doch das Hippiemilieu verhalf ihm zugleich zu einem Weltruhm, ohne den es ihn weder 1969 nach Woodstock geführt hätte noch 1971 zum „Concert for Bangladesh“ im New Yorker Madison Square Garden.

„Die breite Masse“, wusste er nur zu gut, „hat die klassische Musik nie geschätzt – auch nicht im Westen. Sie wurde immer von einer bestimmten Schicht geschätzt, entwickelt und beschirmt, nicht anders als in der Literatur Shakespeare oder der Sanskritdichter Mahakavi Kalidas. Von daher der Begriff Klassik und nicht Musical oder Pop. Natürlich will ich, dass unsere hindustanische Musik gerade heute größere rasikas bekommt – musikkundige Zuhörerschaften, wie sie die karnatische Musik im Süden findet.“

Musiker, die dem Geist seiner Musik mehr Respekt erweisen konnten, fand er deshalb eher im Jazz, beim großen John Coltrane, dem er die Grundzüge der indischen Musik beibrachte. Auch ein Ensemble wie John McLaughlins Shakti lässt sich ohne seine Vorarbeit nicht denken. Dabei fanden die ersten „East Meets West“-Kontakte auf klassischem Gebiet statt. Shankars früheste Weggefährten waren der Geiger Yehudi Menuhin und der Flötist Jean-Pierre Rampal.

1920 als jüngster von sieben Brüdern in der heiligen Stadt Varanasi am Ganges geboren, war der Sohn einer bengalischen Brahmanenfamilie mit neun Jahren der „Company of Hindu Dance and Musik“ seines älteren Bruders Uday als Tänzer beigetreten und komponierte für sie 16-jährig die erste Ballettmusik. Mit der Company besuchte er Europa und die USA, machte sich mit den Instrumenten und Konventionen der westlichen Musik vertraut, ja mit der westlichen Kultur überhaupt.

1938 hatte ihn der als Solist zeitweise mitreisende Allauddin Khan aber endlich überzeugt, sich von ihm unterrichten zu lassen. Es folgten die härtesten Jahre in Shankars Leben: „Es war, als sei ich in eine Sekte eingetreten. Ich gab alles auf, was mir bis dahin wichtig erschien und gewöhnte mich an ein Leben unter Fröschen und Eidechsen. Zuerst übte ich acht Stunden täglich, dann zehn, dann 14.“ Nicht nur die Abenteuer dieser Zeit sind in seiner leider seit Jahren vergriffenen Autobiografie „Meine Musik, mein Leben“ festgehalten.

Nach Abschluss seiner Ausbildung 1944 zog er nach Mumbai, schrieb Theatermusiken, wurde ab 1949 in Neu-Delhi musikalischer Leiter des All India Radio und komponierte von 1955 an die Soundtracks für Satyajit Rays „Apu-Trilogie“, die als Geburtsstunde des modernen indischen Kinos gilt. Wenn er im selben Jahr auf Einladung von Yehudi Menuhin nicht Ali Akbar Khan, den Sohn seines Lehrers und Bruder seiner ersten Frau, als Repräsentanten indischer Musik nach New York geschickt hätte, wäre sein internationaler Stern nicht erst in den sechziger Jahren aufgegangen. Als ihn die Amerikaner dann aber hatten, gab es für seine Karriere als Lehrer wie als Künstler kein Halten mehr. Insbesondere seine Duos mit dem Tablaspieler Alla Rakha, der wiederum der Vater des heute bedeutendsten Tablavirtuosen Zakir Hussain ist, führten ihn in die berühmtesten Konzertsäle dieser Welt und sind in zahlreichen Aufnahmen dokumentiert.

Shankar war stets ein Eklektiker: ein Nordinder, der als Instrumentalist freimütig bei den Südindern Anleihen machte, und ein Komponist orchestraler Werke, der sich übers reine Hören Formen abendländischer Musik zu eigen machte. Dieser undogmatische, aber stets demütige Zugriff auf andere Traditionen befähigte ihn zur Zusammenarbeit mit einem Komponisten wie Philipp Glass und machte ihn auch für Deutsche wie den Tonsetzer und Musikphilosophen Peter Michael Hamel interessant.

Welche Extrasaiten und Details in der Sitar-Bauweise ihn von Stilpuristen wie Vilayat Khan und dessen jüngerem Bruder Imrat Khan unterscheiden, mag nur Spezialisten interessieren. Wie persönlich er aber das Tonmaterial seiner Ragas verziert und in welchen Furor er sich nach der langen Soloeinleitung des Alap hineinsteigern kann, wenn die Tabla einsetzt und das Tempo im dritten Teil anzieht, das hört auch der Untrainierte auf Anhieb, wenn er es mit dem Melos des erwähnten Nikhil Banerjee vergleicht.

Ravi Shankars Kraft – und die Sitar erfordert neben Konzentration und Versenkung auch ein ungewöhnliches Maß an motorischem Einsatz – hatte in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Seine Tochter und Schülerin Anouschka, mit der zusammen er immer wieder auftrat, hatte es übernommen, den folkloristischen Ruhm der Familie weiterzutragen, während ihre aus einer Verbindung mit der Konzertagentin Susan Jones entstandene Tochter Norah Jones ihr musikalisches Gen in der Popwelt auslebt.

Im kalifornischen San Diego, wo er seit Jahrzehnten zu Hause war, ist das reiche Leben dieses bekennenden Hindus und überzeugten Vegetariers nun an sein Ende gekommen, wenn das nicht nur mit Blick auf seinen Glauben nur eine äußerst vorläufige Auskunft wäre. „Nada Brahma“, lautete seine Überzeugung: Gott ist Klang, die Welt ist Klang, alles ist Klang. In ihm ersteht auch er jedes Mal aufs Neue wieder auf.

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