Kultur : Reagan ist schuld

Hans-Ulrich Wehler schreibt von der „neuen Umverteilung“ – meint aber die alte.

Friederike von Tiesenhausen

Eigentlich steckt in diesem Thema ein Bestseller: Die Einkommensschere in Deutschland klafft immer weiter auseinander. Vermögen ist immer ungleicher verteilt. Und sozialer Aufstieg ist seltener geworden. Wenn es nach der SPD geht, sollen diese gesellschaftlichen Fliehkräfte das zentrale Thema der Bundestagswahl werden. Das Buch des bekannten Sozialhistorikers Hans-Ulrich Wehler platzt also mitten in eine brisante Debatte. Doch wer nach neuen Einsichten oder gar Lösungsrezepten sucht, wird enttäuscht. Hier wird eher grundsätzliche geschichtliche und soziologische Einordnung geboten.

Der schmale Band des 81-jährigen Wehler hat einen großen Wirbel ausgelöst. Das liegt an der streitbaren Natur des Autors, der aus seiner Sympathie für die Sozialdemokratie und seiner Skepsis gegenüber Gutverdiener-Kandidat Peer Steinbrück keinen Hehl macht. Auch lassen sich aus dem griffigen Titel „Die Neue Umverteilung“ gut Artikel und Essays machen. Als Buch aber wird das Werk seinem Titel nicht gerecht. Wehler wurde durch seine fünfbändige Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik bekannt, und auch in diesem Buch dominiert die strukturelle Herleitung. Die spezifischen Wirkkräfte einer „neuen Umverteilung“ in Deutschland analysiert es nicht.

Wehler ist in seinem Metier, wenn er dem Leser gleich zu Beginn eine 45-seitige Ideengeschichte der Soziologie verordnet – über die schottische Aufklärung, Hegel, Marx, Weber und Bourdieu. Er ist Anhänger der Klassentheorie, von postmodernen, weniger materialistisch bestimmten Kategorien hält er nichts. Er will zeigen, dass es bei sozialen Ungleichheiten immer um Hierarchien und Macht geht, die politisch angegangen werden müssen. Mit diesem Rüstzeug wendet er sich der eklatanten Drift bei Einkommen und Vermögen zu. Noch 1985 lag das Verhältnis der Vorstandsgehälter deutscher Aktiengesellschaften zum Durchschnittsverdienst ihrer Arbeitnehmer bei 20 zu eins. 2011 erreichte das Verhältnis schon 200 zu eins. Zudem kontrollieren die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung mittlerweile zwei Drittel des Geldvermögens. Neu sind diese Befunde nicht, die Nation weiß darum, entsprechende politische Konsequenzen hat sie bisher nicht gewählt. Wehler beklagt das: „Verteilungsgerechtigkeit ist völlig verloren gegangen“, lautet sein Urteil, und seine Hoffnung ist: „Man darf gespannt sein, wie sich … der politische Druck aufbauen lässt, der auf eine Korrektur dieser Exzesse einer hierarchisierten Marktwirtschaft hinwirken kann.“

Danach fällt das Buch schon ab. In der zweiten Hälfte finden sich eine Reihe dünner Kapitel über Ungleichheit etwa auf dem Heiratsmarkt, beim Altern, zwischen den Geschlechtern, bei Wohnbedingungen und Gesundheit. Hier spürt der Autor gar keiner „neuen Umverteilung“ mehr hinterher. Stattdessen orgelt der Emeritus routiniert auf veralteten Zahlen herum. Vergleiche zwischen den Anfangsjahren der alten Bundesrepublik und dem Jahr 1990 sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Sicher, Wehler konnte nicht auf die mittlerweile erschienene Datenflut des Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zurückgreifen. Deren Publikation wurde bekanntlich durch einen langen Deutungsstreit zwischen Ursula von der Leyen und Philipp Rösler aufgehalten. Doch auch anderswo hätte es neueres Zahlenmaterial gegeben.

Wehler gibt vor, die entscheidenden Weichenstellungen für die persistierende Ungleichheit in Deutschland ausfindig zu machen. Gleich mehrfach greift er etwa dafür die Politik Margaret Thatchers und Ronald Reagans an. Über die zentralen Entscheidungen der 90er und 2000er Jahre, die Entfesselung der Finanzmärkte, über die Bushs und Clintons verliert er dagegen kein Wort. Und auch Gerhard Schröder und Angela Merkel, die für die Entstehung einer „neuen Umverteilung“ in Deutschland zentrale Figuren sind, kommen nicht vor. Eine gründliche Analyse der Vergangenheit kann helfen, die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. Für die drängende Frage, wie sich hierzulande eine gerechtere Republik organisieren lässt, muss man die jüngere Vergangenheit jedoch genauer unter die Lupe nehmen. Friederike von Tiesenhausen

Hans-Ulrich Wehler: Die Neue Umverteilung. C.H. Beck, München 2013. 191 Seiten, 14,95 Euro.

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