Kultur : Reaktionär bin ich auch

Uwe M. Schneedes Beckmann-Monografie

Bernhard Schulz
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Figurativ. Max Beckmann, „Siesta“, 1947. Foto: bpk/Nationalgalerie, SMB/Jörg P. Anders

Unter der Vorherrschaft des abstrakten Expressionismus nach dem Krieg sei die Aufnahme des Werks von Max Beckmann zumal in der jungen Bundesrepublik „zwiespältig“ gewesen, schreibt Uwe M. Schneede in seinem neuen Buch über den Maler. Er hat auch ein hübsches Zitat parat: „Reactionaire, na ja bin ich auch“, schrieb Beckmann in der ihm eigenen freien Grammatik im Jahr 1950, das den Siegeszug der Abstrakten markierte, und er habe sich „endgültig aus dem ,modernen Schiff'' ausgebootet“ gefühlt.

Lange vorbei. Seither hat sich die Wertschätzung Beckmanns so grundlegend geändert wie wohl bei keinem zweiten deutschen Künstler. Unübersehbar ist die Zahl der Ausstellungen, und auch im Bereich der monografischen Abhandlungen gibt es seit etlichen Jahren geradezu eine Springflut. So ist es mutig zu nennen, wenn Schneede nun mit einem opulenten Buch nachlegt. Allerdings ist der Autor wie wenig andere berechtigt, hat er doch schon vor 30 Jahren die erste eigene Beckmann-Ausstellung in Hamburg organisiert; zwei weitere sollten folgen. Zudem ist er Mitherausgeber der dreibändigen Briefedition.

Aber was wäre noch Neues zu sagen? Schneede tut es rundheraus: Ihn stört die Reduktion auf den „Mythenmaler“ und er sieht darin „zeittypische Verdrängung“, nämlich jene einer Nachkriegszeit, die sich in die Abstraktion geradezu flüchtete. Vielmehr sei Beckmann „der Maler seiner Zeit“ gewesen, und dessen Kunst „eine in die große, überwältigende Form gebrachte Synthese der Moderne mit ihren Widersprüchen“.

Dazu klärt Schneede sehr überzeugend die gewissermaßen transzendierte Form der Mythenerzählungen bei Beckmann. Der Künstler malt ja nie die alten Geschichten, sondern stellt sie wortwörtlich auf eine Bühne, sei es die des Theaters – das bei ihm eher einer Bretterbude gleicht – oder des Hotelfoyers, wo der Page auf dem Tablett die Herrscherkrone serviert. Wie oft sprach Beckmann selbst vom „Welttheater“!

„Er griff den Mythos weder auf“, schreibt Schneede, „um ihn nachzuerzählen, noch um ihn zu aktualisieren. Er versuchte vielmehr, die Erfahrung des Alltags, des Undurchschaubaren und der Schrecken in einen weiteren Zusammenhang zu stellen, also in der Aktualität die alten Grundmuster, im Alltag die mythische Anschauung, den mythischen Gehalt sichtbar zu machen.“

Bildbeispiele gibt es zur Genüge, und auch dass Schneede den komplizierten Malprozess und die Bedeutung von Farbauftrag und Farbwahl erklärt, macht den Wert dieses Buches aus. Über die Periodisierung des Werks lässt sich nichts Neues sagen, sie spiegelt ja in eklatanter Weise die Brüche des 20. Jahrhunderts: Krieg, mühsamer Aufstieg aus seelischer Krise, Erfolg, Weltläufigkeit, dann jähes Exil, beständige Gefahr, erneute Auswanderung, nochmaliger Erfolg und plötzlicher Tod. Und in diesen Zeitläuften hat Beckmann alles eingefangen, von der missglückten, karnevalesk-wüsten Revolution 1918/19, vom Aufstieg des italienischen Faschismus über die wenigen Glanzjahre der Weimarer Republik bis zum alles übermächtigenden Nazireich. Amerika war dann nur mehr der Abschied vom alten Europa, ohne dass er dort so ganz heimisch werden konnte – am Ende seines 1950 jäh verlorenen Lebens musste er sich noch aus dem „modernen Schiff ausgebootet“ sehen.

Dabei folgte Beckmann niemals einer politischen Berufung. Ihm ging es um die individuelle Freiheit, um den „europäischen Bürger“, als den er sich selbstbewusst 1924 bezeichnete. Max Beckmann diese Freiheit zugebilligt und ihn doch in den Rahmen der Geschichte gestellt zu haben, ist das große Verdienst dieser Monografie, mit der Uwe M. Schneede im Jahr seines 70. Geburtstags drei Jahrzehnte der Beschäftigung mit dem Künstler zusammenfasst. Bernhard Schulz

Uwe M. Schneede: Max Beckmann. Der Maler seiner Zeit. C. H. Beck Verlag, München 2009. 302 S. m. 149 Abb., 58 €.

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