Kultur : Reaktionen auf den Terror: "Bei einem Unfall zu sterben, ist wahrscheinlicher"

Frau Kropf[was ist Angst?]

Andrea Kropf (50) ist Psychotherapeutin und arbeitet neben ihrer eigenen Praxis für das Berliner Angstzentrum Agoraphobie e.V.

Frau Kropf, was ist Angst?

Angst ist ein unmittelbares Gefühl des Bedrohtseins, das in Erwartung von psychischen und physischen Verletzungen auftritt. Die Angstintensität beim Menschen hängt von der Einschätzung der Gefahrenstärke und der persönlichen Möglichkeiten, die Gefahr zu bewältigen, ab. Wenn wir keine direkte Einflussnahme auf das angstauslösende Objekt haben, ist das Gefühl der Hilflosigkeit und damit die Angst natürlich stärker.

Welchen Einfluss haben die Terroranschläge in den USA vom 11. September auf dieses persönliche Angstgefühl?

Die Liste der bisher von den meisten Menschen für möglich gehaltenen Bedrohungen ist seit den Terrorakten vom 11. September und seit den Anthrax-Anschlägen in den USA deutlich erweitert worden. Aufgrund der neu entdeckten Gefahren durch biologische und chemische Kampfstoffe sind den Phantasien neuer Bedrohungsszenarien keine Grenzen gesetzt.

Halten Sie die Bedrohung auch real für wirklich größer?

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Unfall oder an einer Krankheit wie Krebs oder Herzinfarkt zu sterben, bleibt für uns nach wie vor viel größer. Nur glauben die Menschen, dass sie diese Gefahren zumindest weitgehend unter ihrer Kontrolle haben.

Also alles nur eine Frage der persönlichen Einstellung?

Menschliche Grundbedürfnisse nach Kontrolle und Sicherheit sind durch die unbeantwortete Frage, welche Motive und welche Täter tatsächlich hinter den Terrorakten stehen, verletzt. Wir sind mit unserem Unwissen beispielsweise auf Antworten von Islam-Experten in den Medien angewiesen. Aber auch die widersprechen sich leider. Eine weitere angstauslösende Unsicherheit besteht in der Frage der richtigen und effektiven Antwort auf die Terroranschläge - Krieg oder gewaltlose Lösungen aller sozialen und ökonomischen Probleme in der Welt.

Da kann man durchaus hin- und hergerissen sein. Was resultiert für den einzelnen Menschen daraus?

Gewalt macht viele Menschen wütend und traurig zugleich. Dieses Gefühlschaos aus Angst, Wut und Traurigkeit gilt es zu ordnen. Angst an sich stellt große körperliche Energien für Kampf oder Flucht bereit. Und dabei ist es egal, ob diese Bedrohungen real oder eingebildet sind.

Wie sollten Menschen mit diesen Energien umgehen?

Es ist hilfreich zur Bewältigung der Angst, diese Energien aktiv zu nutzen. Der beste Weg hierzu ist aus meiner persönlichen Sicht, sich möglichst viel Wissen anzueignen und das eigene, zeitlich begrenzt zur Verfügung stehende Leben nach den aus dem Wissen resultierenden Überzeugungen aktiv zu gestalten.

Können Sie Beispiele nennen?

Ein gutes Beispiel dafür ist, dass viele Menschen, die Angst haben, sich an Demonstrationen gegen Krieg und Gewalt beteiligen. Diese Menschen können Passivität in der derzeitigen Situation nicht ertragen und sind nicht gewillt, die Aktionen des Staates einfach hinzunehmen. Auch der aussichtslose Sprung aus den Fenstern des brennenden World Trade Center ist eine solche Reaktion auf die Bedrohung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar