Reaktionen auf den Terror : Panik nach den Attacken

Herr Professor, würden Sie den Zuschauern raten, mit Panik zu reagieren? - "Ohne jeden Vorbehalt." So heißt es in einer Folge der "Simpsons". In den Tagen nach den Anschlägen von Paris scheint die Satire mitunter Ernst zu werden.

Christian Schröder
Pistolen der Marke Sig Sauer 9mm Parabellum im Direktorium einer französischen Polizeistation.
Pistolen der Marke Sig Sauer 9mm Parabellum im Direktorium einer französischen Polizeistation.Foto: AFP

In Zeiten des Aufruhrs triumphiert die Angst. Angst ist eine verständliche Reaktion auf die Anschläge von Paris. Angst kann die Sinne schärfen, aber sie kann auch gefangen nehmen. Die Steigerung von Angst, eine weitere Drehung der Schraube, ist Panik, bei der am Ende die Furcht bloß noch körperlich ausagiert wird. Kopflose Flucht, lähmende Starre. Panikattacken sind ein schmerzhafter, krankhafter Zustand, irgendwo zwischen Angst und Panik beginnt die Grauzone der psychotischen Reaktionen.

Angst im Musterstädtchen

In einer Folge der Trickfilmserie „Die Simpsons“, in der sich das amerikanische Musterstädtchen Springfield in eine Verbrecherhöhle verwandelt, begrüßt der Fernsehmoderator Kent Brockman einen Sicherheitsexperten in seiner Sendung. Der ziegelköpfige Brockman, eine etwas gelbere Version von Claus Kleber, fragt: „Herr Professor, ohne Sie zu bitten, die Gefahr genauer zu präzisieren, würden Sie unseren Zuschauern raten, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen?“ Der Experte antwortet: „Ohne jeden Vorbehalt.“
Das ist Satire, aber in diesen Tagen scheint mitunter aus Satire Ernst zu werden. Auf die Frage „Schießereien, Tote, Terrorwarnungen – ist so etwas normal nach einem Anschlag oder sind das Vorboten einer anderen Zeit?“ versicherte ein Experte im ARD-„Brennpunkt“ am Mittwochabend: „Das ist der Beginn einer schlimmen Zeit.“ Ohne jeden Vorbehalt. Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik prophezeit: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass diese Organisation noch viele Anschläge begehen wird.“ Nur wenn die Terrormiliz Islamischer Staat „schnell zerschlagen“ werde, könne die Gefahr gebannt werden. In der Sendung war mehrfach vom „Terror vor der Haustür“ die Rede.
Wie man mit dem verunglückten Versuch, Stärke zu demonstrieren, gleichermaßen Unruhe stiften und Spott auslösen kann, das hat Thomas de Maizière bei der Pressekonferenz nach dem abgesagten Fußballländerspiel in Hannover demonstriert. „Ein Teil dieser Antworten könnte die Bevölkerung verunsichern“, lautet der paradoxe Satz, mit dem er sagte, dass er lieber nichts sagt. Dabei macht gerade das Verheimlichte Angst. Weil es offen ist für Schreckfantasien. Vom Hirtengott Pan, Namensgeber des Begriffs Panik, heißt es, dass er einmal in der Mittagsstille mit einem gellenden Schrei die Massenflucht ganzer Schaf- und Rinderherden auslöste. Das war die erste Stampede der Menschheitsgeschichte.


Plädoyer für Abrüstung

Vielleicht wäre es Zeit für eine begriffliche Abrüstung. Nein, wir befinden uns nicht im Krieg. Ein Weltkrieg (der Kulturen oder Religionen) findet nicht statt. Niemand muss einen Stahlhelm aufsetzen. Wirklich in Panik ist eher der selbsternannte Islamische Staat. Er hat in Syrien und im Irak Gebiete verloren, einige seiner Anführer starben, die Rekrutierung funktioniert nicht mehr gut. Vielleicht waren die Anschläge Panikattacken. Sagen ebenfalls Experten. Über deren Weisheit hat der skeptische Staatsrat in Büchners „Leonce und Lena“ gesagt: „Vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so.“

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