Reaktionen auf Interview : Redefreiheit auf ungarisch

Wirbel um das Interview mit Filmemacher Béla Tarr: Nach einem im Tagesspiegel veröffentlichten Interview sieht sich der ungarische Filmemacher Béla Tarr mit heftiger Kritik konfrontiert.

Wegen eines am vergangenen Sonntag im Tagesspiegel veröffentlichten Interviews, in dem er in deutlichen Worten die politischen Verhältnisse in seiner Heimat kritisiert, ist der ungarische Regisseur Béla Tarr unter erheblichen Druck geraten. Am Montag sagte Tarr, der am Wochenende für seinen Film „The Turin Horse“ den Großen Preis der Berlinale-Jury erhalten hatte, der ungarischen Nachrichtenagentur MTI, er sehe sich gezwungen, sich von dem Interview zu distanzieren.

Dessen Stil sei nicht sein Stil: „Ich pflege auf diese Art weder zu kämpfen noch zu diskutieren oder zu argumentieren. Ich halte es für sehr erniedrigend, dass dies alles die Aufnahme und den Erfolg des Films beschmutzt und ihn auf das Niveau der Tagespolitik heruntersetzt."

Das Tagesspiegel-Gespräch mit Tarr liegt in einer Tonbandaufnahme vor. Darin sagt er, in Ungarn passiere gerade, was man in Deutschland „Kulturkampf“ nenne. Die Regierung hasse die Intellektuellen, „weil sie liberal und oppositionell sind, sie beschimpft uns als Vaterlandsverräter“. Zudem kritisierte er die miserablen Arbeitsbedingungen der Filmemacher und -produzenten. Die Regierung habe jede Unterstützung gestoppt, auch eine ihm von staatlicher Seite gegebene Förderzusage werde nicht eingehalten, sie sei jetzt bloß noch „Klopapier“.

Tarrs Äußerungen haben in Ungarn hohe Wellen geschlagen. Wie ungarischen Medien zu entnehmen ist, stellte Kulturstaatssekretär Géza Szöcs den Regisseur telefonisch zur Rede, und Gulyás Balázs, Chef des staatlichen Filmverleihs Mokep, distanzierte sich von dem prominenten Regisseur, dessen Filme er im Programm führt. Bisher sei er traurig gewesen, dass Béla Tarr angekündigt habe, keine Filme mehr zu drehen, ließ er verlauten. Das „dumme Interview“ aber habe dieses Gefühl abgetötet. Das Interview schade nicht nur Tarr, sondern der gesamten ungarischen Filmindustrie und den Künstlern überhaupt.

Unterdessen wird der Vorgang in den ungarischen Medien je nach politischer Position immer heftiger diskutiert. Regierungsnahe Kreise greifen Tarr für seine Aussagen scharf an; andere hingegen kritisieren Tarrs Distanzierung von dem Tagesspiegel-Interview. Der ungarische Filmproduzentenverband schaltete sich in die Debatte ein. Laut MTI fordert der Verband von Tarr, er solle „auf allen internationalen Foren“ klarstellen, er habe in dem Interview „ausschließlich seine private Meinung gesagt“. Diese sei umso bedauerlicher, als Tarr vom ungarischen Staat „bedeutende Unterstützung zur Verwirklichung seiner Filme“ erhalten habe. (Tsp)

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