Reaktionen : "Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre"

Stimmen zum Tod von Christoph Schlingensief

Matthias Lilienthal (Leiter des HAU):

Ich bin traurig, dass mein einziger Freund tot ist. Ich bin mit ihm gerne mit dem Auto durch die Landschaft gefahren, er hat immer vor sich hingeschrien und mit jedem Satz ein neues Projekt, eine neue Metapher erfunden, alles wie im Rausch. Unser wichtigstes gemeinsames Projekt war die „Ausländer raus“-Aktion 2000 in Wien, er hat immer solche Spielanordnungen erfunden. Er hat all das, was man normalerweise tut, eben gerade nicht getan, sondern hinter den normalen Lösungen überhaupt erst angefangen zu denken und zu arbeiten. Mit ihm wird auch jemand fehlen, der wie kein anderer in Bildern denkt. Sein Beruf war Filmemacher, Bildermacher. Sieben Jahre Film, sieben Jahre Theater, sieben Jahre Bildende Kunst, dann die Oper, und durch die Krankheit hat er die Leute noch einmal auf eine ganz andere Weise erreicht, mit seinem Buch über seinen Krebs. Er hat sich allem in einem Maß ausgesetzt, wie er es keinem anderen zugemutet hat. Am Samstagmittag ist die Schlingensief-Republik gestorben.

Frank Baumbauer (Theaterintendant):

Schlingensief war ein großartiger Wachrüttler. Er hat uns alle irritiert, wenn wir es uns mal wieder so richtig bequem gemacht hatten – ein unglaublicher Glücksfall für das Gegenwartstheater. Mit seinen neuen Theaterformen und veränderten Wertigkeiten hat er uns durch seine Verhaftungen in der Wirklichkeit wieder und wieder aus unseren netten Nestern herausgeworfen. Er war ein ganz großer Menschenfreund – und ein charmanter Filou. Kaum hatte er einem die Hand gegeben, schon hatte er einen aufs Kreuz gelegt.

Elfriede Jelinek (Schriftstellerin):

Christoph Schlingensief war einer der größten Künstler, die je gelebt haben. So einen wie ihn kann es nicht mehr geben. Mit einer unglaublichen Kraft hat er Menschen um sich geschart. Wie von einer umgekehrten Fliehkraft sind sie buchstäblich an ihn herangerissen worden. Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre.

Luc Bondy (Theaterregisseur):

Christoph Schlingensief war ein lebensspendender Anarchist, genial und unerhört intelligent. Er hat sich intensiv – leider war mir manchmal das Zusammenspiel mit den Medien ein wenig viel – mit seiner Krankheit auseinandergesetzt, aber sterben wollte er nicht. Und wir freilich auch nicht.

Barbara Frey (Theaterregisseurin):

Es ist nicht einfach zu akzeptieren, dass ein so feinsinniger, lebendiger und stets für Widersprüche sorgender Geist plötzlich die Bühne verlässt. Schlingensief war ein shakespearescher Narr im besten und im abgründigsten Sinne. Er hat einen grundsätzlich nachdenken lassen über den ausgeleierten, müden Begriff „Provokation“ – weil er es geschafft hat, über die fließenden Grenzen zwischen Kunst, Komik, Kitsch, Pathos und Entlarvung falscher Gewissheiten ernsthaft zu reflektieren. Er hat das mit penetranter Leidenschaft und auch mit der Bereitschaft zur Selbstentblößung getan, immer konsequent und äußerst vital.

Katharina Wagner (Künstlerische Leiterin der Bayreuther Festspiele):

Ich bin tief erschüttert, schockiert und traurig. Es tut mir wahnsinnig leid, vor allem, weil er so gekämpft hat. Er war einer der wirklich Großen in unserem Milieu. Ich bin kein Mensch, der leicht weint. Aber wenn du gehst, Freund, dann weint meine Seele.

Klaus Staeck (Präsident der Berliner Akademie der Künste):

Christoph Schlingensief hatte eine ungeheure Sprengkraft, künstlerisch wie politisch. In all seinen Arbeiten, von den ersten filmischen Versuchen bis zu seinen großartigen Opern-Inszenierungen, ging es ihm um die Auslotung des Verhältnisses von Politik, Kunst und Gesellschaft. Wir sind uns der Verantwortung für sein Archiv, das unlängst seinen Platz in der Akademie gefunden hat, bewusst und werden sie wahrnehmen.

Dieter Kosslick (Leiter der Berlinale):

Schlingensief hat im wahrsten Sinne gemacht, was er wollte. Er war ein Mensch, der sich aus einer tiefen moralischen Überzeugung heraus über Ungerechtigkeiten aufgeregt hat. Bei Freunden und Bekannten wird von ihm bleiben, dass er ein angenehmer und aufmerksamer Mensch war. Anderen wird er in Erinnerung bleiben als sperriger Mensch, der sich gegen die Gesellschaft und den Lauf der Dinge gewehrt hat.

Bernd Neumann (Kulturstaatsminister):

Mit ihm verliert die Kulturszene einen ihrer vielseitigsten und innovativsten Künstler. Zu seinen Stilmitteln gehörte nicht selten die Provokation, mit der er ganz bewusst auch über den Kulturbereich hinaus Kontroversen auslösen und irritieren wollte. Sein im letzten Jahr erschienenes Tagebuch ist in der Auseinandersetzung mit seiner schweren Erkrankung ein für mich besonders bewegendes Werk.

Klaus Wowereit (Regierender Bürgermeister von Berlin):

Ein großer Mann des deutschen Theaters verlässt die Bühne viel zu früh. Mit seinem Namen verbindet sich auch der Ruf Berlins als deutsche Theaterhauptstadt.

André Schmitz (Kulturstaatssekretär):

Er war ein wunderbarer Mensch und herausragender Künstler. Ich werde ihn vermissen. Uns allen werden seine Provokationen fehlen.

Claudia Roth (Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen):

Dieser verdammte Krebs! Mit Christoph Schlingensief verliert die Bundesrepublik einen der kreativsten, vielseitigsten und radikalsten Künstler. Er hat unser Land mit seinen Arbeiten in aller Welt vertreten – von Bayreuth bis zum Amazonas, von der Ruhr bis nach Burkina Faso.

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