Kultur : Reale Luftschlösser

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Als der Zeichner Gottfried Müller die „Agentur für Forschung und Abenteuer, Abteilung Bauwesen“ ins Leben rief, war an den Beschluss zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses noch nicht zu denken. Umso mehr dürfte den bekennenden Ironiker Müller die Koinzidenz der Termine bei der Eröffnung seiner Ausstellung amüsiert haben. Versuchte sich das Parlament an einer in die Zukunft verlängerten Vergangenheit, zielen Müllers Rekonstruktionsversuche fiktiver historischer Bauwerke genau in die Gegenrichtung. Anhand von listig erlogenen „Originaldokumenten“ werden Gebäude heraufbeschworen, „deren Existenz sowohl möglich als auch wahrscheinlich ist.“ „Schwermut und Abenteuer des Hausbaus“ (950 Euro) oder „Aussichtslose Türme“ (3300 Euro) nennt er die Serien seiner imaginären Revisionen der Architekturgeschichte in Wort und Bild. Die Müllersche Wahrscheinlichkeit spielt souverän mit mehrfach gedoppeltem Boden. Dem im distanzierten Sepiabraun des 19. Jahrhunderts getuschten architektonischen Nonsens unbrauchbarer Lustschlösser, ridiküler Dachaufbauten oder einer im Hinterhof verborgenen Ritterburg sekundieren handgeschriebene Texte. Stilistisch zwischen Jules Verne, dem Polizeibericht und den Horrorpersiflagen eines H. C. Artmann mittelnd, informieren sie über das sagenhafte Leben und Treiben von Bewohnern und Architekten.

Um diese Dramolette endgültig aus der Fiktion zu lösen, kam Müller ein Angebot des Architekturprofessors Bernd Meyerspeer gerade recht: Im Rahmen eines Entwurfsseminars bauten Studenten der Universität Kaiserslautern fünf seiner Fälschungen nach. Ihre ausgestellten Zeichnungen und Modelle werden Kritiker einer herz- und geistlosen Moderne durch den Grad mimetischer Einfühlung verblüffen. Nach-Entwurf als spielerische Camouflage eigener Begehrlichkeit: Wahlweise schlüpfte man in die Rolle eines Tiefbauingenieurs von 1890, der für die Wahnsinns-Villa eines Fabrikanten eine ebensolche Dampfheizung schuf, erfand die Modellbahngazette „Der Mittelpuffer“ oder schneiderte für den tragischen Radrennfahrer Detlof Merck einen kubofuturistischen Renndress. Dies Bekenntnis zur Potenzialität aus dem Geist des Absurden hat Müllers Projekte zu einer gedanklichen Präzision geführt, die gerade in ihrer Folgenlosigkeit anregend wirkt. Ein Blick in literarische Utopien von Thomas Morus bis William Morris zeigt: Luftschlösser baut man besser im Nirgendwo. Michael Zajons

Galerie Deschler, Auguststraße 61, bis 3. August, Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 13-17 Uhr.

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