Kultur : Reality-Opera: Vor uns die Sintflut

Christine Lemke-Matwey

Was tut der Operngänger dieser Tage, wenn er ratlos ist? Er kramt in der Vergangenheit. "Der Mensch sieht gerne zu", notierte der Theaterkritiker und Essayist Alfred Polgar vor bald 100 Jahren und ließ dieser nicht eben revolutionären Erkenntnis ein paar bestrickend schöne, kluge Sätze folgen: "Er liebt es, dass etwas geschieht. Wochen-, monatelang weigert das gemeine Leben unserem Zuschau-Hunger das Futter. Auf der Straße wie im Zimmer. Kein Pferd stürzt, kein Auto fährt an den Laternenpfahl, kein Irrsinniger zieht sich nackt aus und schreit: Es lebe der Kaiser! Und zu Hause? Niemand kommt überraschend, läutet es zu ungewohnter Stunde, ist es der Gaskassierer oder eine Sammelbüchse, keine süße Nachbarin erscheint im Nachthemd, streichholzbedürftig, und gibt an, man nenne sie nur Mimi. Nichts geschieht."

Müßig zu betonen, dass Polgars Antwort auf die Misere des gemeinen Lebens im Theater lag und also auf jenen Brettern, die weniger der Welt als sich selbst eine Bedeutung schenkten: "Dort bekommen wir Erleben, wenn auch nicht zu eigen, so doch geliehen. Da artet das Gespräch bestimmt zum Dialog aus, und wenn es läutet, ist es nicht der Gasmann, sondern das Schicksal."

Die Allmacht des Alltags

Gewiss, es gibt heute keine Gasmänner und keinen Deutschen Kaiser mehr, und Opern wie Puccinis "La Bohème" goutiert man bestenfalls noch mit Naserümpfen. Insofern haben sich die Verhältnisse radikal umgekehrt. Früher war das Leben tagsüber mindestens so langweilig, leer und banal wie heute; dafür hielten die darstellenden Künste, wenn es Abend wurde, allerlei prickelnd Erbauliches bereit: Liebe, Tod und Teufel, mörderische Haupt- und Staatsaktionen, große Gefühle und spannungsdramaturgisch perfekt gebaute Geschichten. Heute hingegen versagen Furcht Mitleid Katharsis vor der Allmacht des Alltags, herrscht in unserem ästhetischen Bewusstsein allüberall nur mehr Leere, Pause, Verzicht, Verweigerung, Verneinung, kurz und gut: das Regiment der Authentizität, die Diktatur des "scheinbar Kunstlosen" (Christiane Peitz im Tagesspiegel vom 4. März).

Einzig die Oper, das Musiktheater fällt da noch aus dem Rahmen. Weil es sich zwar scheinbar kunstlos sprechen, also nuscheln oder stottern oder brüllen lässt - aber nicht singen. Weil menschlicher Gesang immer künstlich ist und eine extreme Entäußerung, die dazu dient - wie Roland Barthes es formulierte -, "im unendlichen Raum halluziniert" zu werden. Und weil die Musik zwar eine Hure ist, aber letztlich, im Sinne jener Propagandisten der Kunstlosigkeit, wohl doch nicht ausreichend korrumpierbar.

Optisch indes geht es auch auf der Opernbühne spätestens seit Christoph Marthaler und Anna Viebrock kaum anders zu als bei Hempels unterm sorgsam durchgestylten Sofa, und wenn jene sagenhafte Familie Hempel sich eines Tages in ein Theater verirren sollte, so werden wir sie am Ende entweder bitter enttäuscht sehen oder reich beglückt: Trash ist nach wie vor Kult, hoch lebe der Sixpack! und vom "neuen Ernst", den Basels schwer gezauster Intendant Michael Schindhelm bereits vor Jahresfrist für alle Sparten prognostizierte, sind bislang nur die Harmlosigkeiten zu spüren und handwerkliche Defizite. Indem also die Kunst behauptet, nicht länger Kunst sein zu wollen, sondern - was eine unverschämte Lüge ist! - Abbild, Abdruck des Lebens, indem die Künstler offenbar nicht weiter verdichten oder verfremden, was uns der unbefangene Blick auf die Straße an Wahrheit nicht enthüllt, scheint plötzlich alles eins. Das Leben. Das Theater. Die Kunst. Der Tod. Nur die Oper brät sich da notgedrungen ihre kleine Extrawurst. Als letzte Utopie? Als Schoß der grässlich ewig Gestrigen? Oder ist das Musiktheater ganz einfach, was es immer war, ein "unreines Genre" nämlich, ein Mixtum compositum, und als solches schwerfälliger, weniger zeitfühlig, sicherer als andere Medien?

Fassen wir zusammen: Das Kino trainiert derzeit die Echtzeit und den kühlen, unbestechlich distanzierten Blick, das Sprechtheater stochert in alten und neuen Endzeitstücken, das Feuilleton strickt sich seine eigenen Debatten, und das Fernsehen probt mal wieder den Ausstieg aus dem bröckelnden Reality-TV-Boom (vgl. noch einmal Tagesspiegel vom 4. März). Langsam, ganz langsam schlägt das Pendel also hin und her: zwischen Authentizität und Fiktion, zwischen den wahren und den erfundenen Geschichten. Just diese Freiheit besitzt die Oper, wie gesagt, nicht. Wie ein Mühlstein (oder wie ein Rettungsanker?) hängt ihr ihr musikalischer Kunstanspruch um den Hals. Noten wollen nun einmal dirigiert, gespielt, gesungen sein - es sei denn wir riefen zur Anarchie, rüttelten an den Grundfesten unseres Werkbegriffs und ließen Puccini oder Wagner oder Verdi gute Männer und mindere Meister sein!

Das dem (noch) nicht so ist, hat Folgen. Seit Richard Wagner trennt sich die Oper vom Musiktheater wie das Öl vom Wasser. Die mögliche Übernahme der Berliner Lindenoper in die repräsentative Verantwortung des Bundes ist hierfür nur ein aktueller Beleg. Die ästhetische Fahrrinne großer Supertanker wie der Dresdner Semperoper oder der Staatsopern in München oder Wien - ein anderer. Demnächst, so verrät die Vogelperspektive, werden sich die Geister radikal weiter scheiden. Hier die Musik, da das Theater, lautet dann die Maxime. Hier das Konzert im Kostüm auf internationalem Standard, dort der Glaube ans utopische Gesamtkunstwerk und an einen Sinn, eine immerneue Sinnlichkeit der Dialektik der Aufklärung. Dazwischen: nichts als Leere.

Das Theater: eine Baustelle

Einer, dem es um Dialektik und Utopie von Haus aus ernst war, ist Peter Konwitschny: Vierfach prämiierter "Regisseur des Jahres", Liebling fast aller deutschsprachigen Feuilletons (einzig der österreichische Kurier frohlockte jüngst, Konwitschny, der Zertrümmerer, arbeite "gottlob" noch nicht in Wien), ein manischer Wahrheitssucher, ein schwärmerischer Wahrheitsfinder, ein "Hegelianer" des Musiktheaters. Sein Grazer "Falstaff" zieht - und insofern kann Oper eben doch gewaltig antizipatorisch sein! - die Summe aus unseren Überlegungen, ungefragt und wie ein böses Omen.

Der musikalische Kunstanspruch, er bleibt in der Steiermark zur zweiten Vorstellung gerade noch gewahrt: Die Sänger mühen sich redlich (allen voran Alberto Rinaldi als Einspringer in der Titelpartie, Sergei Homov als Fenton und Sonia Zlatkova als Nannetta) und das Grazer Opernorchester unter Ulf Schirmer lässt es im Sinne einer keinesfalls beschönigenden Lesart der Partitur ordentlich krachen. Man unterstreicht den Collagecharakter der Musik, entlarvt ihre Kurzatmigkeit und spielt sie krachnüchtern gegen jeden noch so kleinen, alterswehen, melodischen Seufzer aus.

Der szenische Kunstanspruch hingegen fraternisiert nicht nur mit dem so genannten richtigen Leben, er sucht dieses regelrecht zu übertrumpfen. Apokalypse now: Schon das Foyer des Grazer Opernhauses präsentiert sich als Baustelle, neben dem Kronleuchter im Saal wirft eine riesige Blechlampe hässliche Schatten, und auf der Bühne herrscht rund um einen authentischen Schuttcontainer scheinbar das reine Chaos. Falstaff haust in einer Baubude und hat es - wattebäuchiger Erotomane, der er nun einmal sein soll - einzig auf die Pornoposter barbusiger Blondinen an der Türinnenseite abgesehen; ein Klavier wird entsorgt und nach und nach die gesamte Requisite; eine Abrissbirne donnert mit schmerzlichem Getöse gegen die Brandmauern.

Abschied heißt Konwitschnys (heißt Verdis?) Schlüssel zu "Falstaff": Abschied vom autobiografischen Erfolgsrezept Oper, Abschied vom Theater als menschlicher Anstalt, Abschied, nicht zuletzt, von der Ära Gerhard Brunner in Graz. Abschied und Dekonstruktion - und nach uns die Sintflut? Mit der peniblen Organisation seiner Baustellen-Metapher indes ist Konwitschny so beschäftigt, dass er das Theater schier vergisst. Kein einziger Moment besitzt an diesem Abend jenes abgründige poetische Funkeln, das uns in seiner "Götterdämmerung", in "Macbeth" oder "Wozzeck" so unverschämt heiß ans Herze griff. Und auch das Ende, die leere Bühne zur berühmten Mozartschen Schlussfuge, die "Putztruppe", die das gesamte Opernpersonal rüde zur Straße hinaus fegt, es birgt bloß das Erwartete. Nach Erfüllung, nach prallem Leben auf einer vollen Bühne sehnt sich hier so schnell keiner mehr.

Ob wir nun an poetische Wahrheiten oder Provokationen überhaupt noch glauben oder nicht: Der "Zuschau-Hunger" scheint ungestillt, ja unstillbar - und schießt längst bedenkenlos ins Kannibalistische. Im Fernsehen etwa, ach ja, zergrübeln sich derzeit nicht abreissende Ströme von Quiz-Kandidaten die müden Hirne. Ein einziger von zehn errät (!) da die richtige Reihenfolge der Opern in Richard Wagners "Ring"; und eine Staatsanwältin landet auf dem begehrten heißen Stuhl, weil sie von den vier Tönen der C-Dur-Tonleiter vor dem C erklärtermaßen noch nie etwas gehört hat - aber am schnellsten "zockt". Peinlich scheint das nicht zu sein. Soviel für heute zum wirklichen Leben. Soviel zur Kunst. Und der alte Polgar hatte natürlich doch Recht.

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