Reality-TV : Dschungelcamp: Die Trash-Kompetenten

Reality-TV ist reißerisch, voyeuristisch und asozial. Seinen Erfolg erklärt das allein nicht. Anmerkungen zum Start der neuen Dschungelcamp-Staffel "Ich bin ein Star, holt mich hier raus".

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Sonja Zietlows und Dirk Bachs Gagschreiber haben bestimmt eine Menge Spaß in der Kantine.Weitere Bilder anzeigen
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13.01.2012 12:07Sonja Zietlows und Dirk Bachs Gagschreiber haben bestimmt eine Menge Spaß in der Kantine.

Natürlich ist das nach wie vor nichts für zartbesaitete Kulturbürger. Natürlich ist es reißerisch und voyeuristisch, natürlich geht es den Machern um Sex, Sensation, schmierig ausgewalztes Schicksal und entfesselte Schadenfreude. Bereits die Vorberichterstattung zur sechsten Staffel des RTL-Dschungelcamps „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, die an diesem Freitag beginnt, fokussierte auf niedrigste Instinkte und meldete zuletzt, dass das designierte „Dschungel-Luder“ Micaela Schäfer – nein, die muss man nicht kennen – jene die Brustspitze knapp verbergenden „Nippelpads“ ins Camp einbringt, die sie als Topless-DJane (als Oben-fast-ohne-Plattenauflegerin) bekannt gemacht haben. Eine Nachricht, die viel aussagt über den Zynismus derer, die sie lancierten.

Zugleich kennt man diesen Typ Nachricht aus den Vorjahren, ebenso wie die Dauerdemütigung in der am letzten Samstag zum neunten Mal gestarteten Dieter-Bohlen-Show „Deutschland sucht den Superstar“. Mit den immer gleichen Mitteln der Drastik und Entblößung gehen Deutschlands erfolgreichste Trash-Formate Seit’ an Seit’ in die x-te Saison und erregen dabei abseits ihrer riesigen Zuschauermassen weder übermäßiges Interesse, noch ernten sie großen Widerspruch. Vorbei die Zeiten, als die einen angesichts der Verrohung der TV-Sitten lautstark den Untergang des Abendlandes befürchteten, die anderen nur heimlich zu schauen wagten und Christoph Schlingensief seinen Wiener Abschiebecontainer errichtete. Knappe zwölf Jahre nach der ersten Big-Brother-Staffel, gute neun nach dem ersten „DSDS“ und ziemlich genau acht nach dem ersten Dschungelausflug liegen die Blockbuster des Trash-TV friedlich eingebettet in einen Jahreskreis weitab der Hochkultur, der im Januar mit „Deutschland sucht den Superstar“ und dem Dschungelcamp beginnt und im Dezember mit dem „Supertalent“ endet.

Angesichts dieser Stabilität der Verhältnisse stellt sich durchaus die Frage, was aus jenem Topos der bürgerlichen Kulturkritik geworden ist, wonach sich das Privatfernsehen (und nicht nur das) auf einer Abwärtsspirale hin zum totalen Niveauverlust bewegt. Was ist aus der Befürchtung geworden, die immer neuen Grenzüberschreitungen der Macher zeitigten eine wachsende Verrohung auf Seiten der Rezipienten – nun, da angesichts der nur noch spärlich zugespitzten Vorführshows von Grenzüberschreitung eigentlich keine Rede mehr sein kann? Spätestens mit der immens erfolgreichen fünften Staffel des Dschungelcamps im Vorjahr stellte sich aber auch die Frage, wie sich die dauerhafte Beliebtheit der Trash-Formate, vor dem Hintergrund dieser Stagnation, dauerhaft erklären lässt.

Sicher scheint bei der Beantwortung dieser Fragen nur eins: Einschaltquoten im hohen einstelligen Millionenbereich und immense Marktanteile haben die rohe Mär vom verrohten „Unterschichtenfernsehen“ längst zur Farce werden lassen. Der Verdacht liegt nahe, dass in den Shows ein widerständiges Element ist, das zu verkennen im unangenehmsten Sinn elitär wäre. Wer sich nicht damit zufrieden geben will, das Gros des Fernsehpublikums für gehässige und in ihrem Konsum ideenlose Vollidioten zu halten, muss an etwas anderes glauben, das die Massen bindet. Etwas, das über die Lust an der Lust, am Leid und an der Lächerlichkeit der anderen hinausgeht.

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