Rebecca Solnit: "Wenn Männer mir die Welt erklären" : Sprache ist Gewalt

Rebecca Solnit veröffentlicht in „Wenn Männer mir die Welt erklären“ sieben feministische Aufsätze und zeigt darin Machtverhältnisse in der Gesellschaft auf: Frauen werden kleingeredet.

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Geschlechtersymbole auf Wand gezeichnet
„Wenn Männer mir die Welt erklären“: Rebecca Solnit beklagt sich über männliche Bevormundung.Foto: dpa

Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Text, ein kurzer noch dazu, ein gesellschaftliches Echo solcherart hervorruft, dass sich viele Menschen daraufhin zu einer Sache zusammenschließen und eine richtiggehende Bewegung daraus erwächst. Rebecca Solnits Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ist so ein Text. Kurz nach der Veröffentlichung im Jahr 2008 wurde im Internet der Begriff „Mansplaining“ geprägt, ein englisches Kompositum aus „to explain“, erklären, und eben „man“, gewissermaßen ein neues Synonym für männliche Bevormundung und Besserwisserei. In Folge von Solnits Essay erschienen dutzende Artikel und Selbsterfahrungsberichte, kurze Geschichten über Männer, die sich gern reden hören und glauben, dass Frauen dabei am liebsten zuhören.

Rebecca Solnit erzählt in ihrem Essay, wie sie 2003 zusammen mit einer Freundin auf eine Party geht. Als der Gastgeber am Ende, da wollen die Frauen schon gehen, ein wenig mit ihnen plaudert, kommt das Thema auf den Fotografen Eadweard Muybridge. Kurz zuvor hatte Solnit eine Arbeit über Muybridge veröffentlicht, was ihr Partygastgeber nicht weiß. Es gebe da ein neues und gutes Buch über Muybridge, erklärt er Solnit und rät ihr, es zu lesen, so wie „einer Siebenjährigen, die zum ersten Mal beim Flötenunterricht gewesen war“.

Mehrfach weist Solnits Freundin darauf hin, dass das Buch von Rebecca Solnit stamme, die Autorin ihm gegenüberstehe. Doch der Mann hört nicht zu. Als ihm schließlich doch ein Licht aufgeht, hört er auf zu dozieren, ja, es verschlägt ihm sogar die Sprache – aber nur kurz. Das Gespräch löst etwas in Solnit aus, sie trägt es mit sich herum. Schließlich schreibt sie es Jahre später geradezu rauschhaft auf und schickt ihren Essay an TomDispatch.com, einer Online-Plattform für Meinungsartikel. „Wenn Männer mir die Welt erklären“ trifft einen Nerv, die Klickzahlen überschlagen sich, Diskussionen beginnen: Gehört Männern das Wissen, die Deutungshoheit über die Welt? Wer spricht, wer nicht? Is it a man's world?

Cover des Buches "Wenn Männer mir die Welt erklären"
Cover des Buches "Wenn Männer mir die Welt erklären"Foto: Promo

Männer empfinden "Mansplaining" als Hass-Kampagne

Rebecca Solnit, 1961 in Kalifornien geboren, ist Schriftstellerin, Journalistin und Kulturhistorikerin, ihr Augenmerk gilt dem Umweltschutz, Menschenrechten und dem Feminismus, ihre Essays handeln von Rassismus, Diskriminierung und Gewalt. Sieben Aufsätze von ihr aus den Jahren 2008 bis 2014 sind nun in „Wenn Männer mir die Welt erklären“ versammelt, und der titelgebende Essay über die Geschlechterollen in der Gesprächskultur eröffnet diesen Band.

Wie viel Wahrheit darin steckt, zeigt sich besonders in den Reaktionen der Männer darauf. 2012 berichtete Rebecca Solnit auf TomDispatch.com vom Brief eines Lesers, der ihre Anklagen für übertrieben hielt. Es liege auch an ihr, wenn sie sich herablassend behandeln lasse, so der Leser. Wahrscheinlich reagierte Solnit bei der Lektüre dieses Briefes mit einem langen Seufzer. Wieder einmal erklärte ihr ein Mann die Welt, zumal ihre eigene Lebenswelt. Auch auf Twitter gibt es immer wieder Kommentare von männlichen Usern, die „Mansplaining“ als eine Hass-Kampagne empfinden oder sich darüber lustig machen.

Gewalt wird nie mit dem Geschlecht erklärt

Natürlich gibt es auch Frauen, die bevormunden, die lieber zutexten als zuhören. Solnit legt aber eindrucksvoll dar, wie die männliche Machtposition in Gesprächen nur Abbild und Verstärker gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist. Sprache ist Macht – ein alter Hut. Es bedeutet aber: Frauen werden kleingeredet, mundtot und unsichtbar gemacht, begrabscht, ausgebeutet, verprügelt, vergewaltigt, getötet. Von Männern.

In „Der längste Krieg“ dreht Rebecca Solnit den Spieß kurzerhand um: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Offizierin der US Army männliche Kollegen sexuell belästigt? Pinkeln junge Sportlerinnen auf bewusstlose Jungs und geben damit in sozialen Netzwerken an? Wie oft töten Frauen ihre Ehemänner? Wann wird es den ersten Fall einer Massenvergewaltigung in Indien geben, bei der ein Mann misshandelt und dann mit einer Stange zu Tode geprügelt wird. „Die Pandemie der Gewalt“, schreibt Solnit „wird ständig mit allem Möglichen erklärt, außer mit dem Geschlecht, außer mit dem, was das umfassendste Erklärungsmuster zu sein scheint.“

Feminismus fordert Freiheit und Augenhöhe

Weiter berichtet Solnit in ihrem Buch von Übergriffen auf Studentinnen, die es in den achtziger Jahren an vielen Universitäten in den USA gegeben habe. Die Frauen wurden angewiesen, nachts nicht über den Campus zu laufen, sich einen „schützenden Käfig“ zu bauen. An Solnits Hochschule hatte jemand ein Plakat aufgehängt mit dem Hinweis für Männer, stattdessen ein Ausgehverbot zu bekommen. Was trotzig bis witzig klingt, wäre womöglich die vernünftigste Maßnahme gegen sexuelle Übergriffe gewesen.

Der Feminismus, für den Rebecca Solnit mit ihren Essays eintritt, fordert Freiheit und Augenhöhe, und das bisweilen ausgesprochen kämpferisch, in einer historisch anmutenden altlinken Tradition. Dabei verirrt sie sich manchmal in einem recht drastischen Wortfeld, da geht es dann zum Beispiel um den „erbitterten Kampf“ und den „sogenannten Krieg“ der Geschlechter. Im letzten Text schlägt sie sogar vor, sich an den mexikanischen Zapatisten ein Beispiel zu nehmen. Das kapitalistische System müsse überwunden werden, „es verkörpert den schlimmstmöglichen Machismo, während es das Gute und Schöne auf Erden zerstört“. Solche Sätze irritieren nicht nur konservative männliche Leser. Doch diese Aufsatzsammlung zeigt: Es ist ein erschreckend kurzer Weg von abschätzigem Verhalten hin zur Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegenüber allen, die als schwächer empfunden werden. Nicht nur in Indien.


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