Kultur : Rebellische Gestaltungslust

Die Highlights holländischen Wohndesigns sind mit einer Ausstellung zu Gast in der niederländischen Botschaft in Berlin

Nora Sobich

Der Star der Ausstellung „New Dutch Design“ sieht wie eine halbierte Riesenorange aus und nennt sich „Dutchtub“. Die geniale, im letzten Jahr von dem Designer Floris Schoonderbeek auf den Markt gebrachte Polyester-Freiluftwanne (www.dutchtub.com) wird von einer Art Ökogrill beheizt und kommt gänzlich ohne Strom aus. Ein seitlich am Pool befestigtes Stahlheizsystem, das mit Brennholz angefeuert wird, erwärmt die 800-Liter-Badefüllung innerhalb von zwei Stunden auf 38 Grad. Die Plantschenden umweht bei ungünstig stehendem Wind zwar etwas Holzkohlerauch, doch gerade die rustikale Lagerfeuerstimmung macht erst den besonderen Charme dieses ausgesprochen schön gestalteten Outdoor-Objekts aus.

Insgesamt 41 Wohnobjekte umfasst die noch bis zum 9. Juli in der niederländischen Botschaft in Berlin gezeigte Ausstellung „New Dutch Design“ (www.newdutchdesign.info). Zu sehen sind all die Highlights, die in den letzten fünf Jahren auf der Mailänder Möbelmesse ihre Premiere hatten. Auch wenn die Festschreibung eines typisch nationalen Designs zwangsläufig mit einer Reihe von Vorurteilen behaftet ist, macht die interessante Präsentation doch treffend deutlich, wofür das niederländische Design in den letzten Jahren so berühmt geworden ist: Experimentierfreude und eine rebellische Lust, herkömmliche Gestaltungstendenzen neu aufzumischen.

Viele der mit ihren Erfolgsprodukten ausgestellten Designer sind auch längst etabliert. Der Architekt Ben van Berkel, der mit seiner für den holländischen Hersteller „Zetel“ (www.zetel.nl) entworfenen Sitzlandschaft „Circle“ vertreten ist, gehört zum Gründungsteam von UN-Studio, von dem das gerade in Stuttgart eröffnete Mercedes-Benz-Museum gestaltet wurde.

Hella Jongerius (www.jongeriuslab.com), die mit einem „Soup Set“ zu sehen ist und die wie die meisten Vertreter der neuen niederländischen Designergeneration zu den Absolventen der Design-Akademie in Eindhoven (www.designacademy.nl) gehört, erregt mit Entwürfen für renommierte Hersteller wie Vitra Aufsehen, aber auch mit ihren Produkten für Ikea.

Auch Richard Hutten (www.richardhutten.com) hat sich mit seinen verspielten Kunststoffkreationen längst einen Namen gemacht. Jürgen Bey, dessen Entwürfe wie eine poetische Melange aus Kunst und modernem Industriedesign wirken, ist in der Berliner Ausstellung mit seinem comicartig überproportionierten Ohrensessel vertreten. Zusammengestellt wurde der bunt gemischte Überblick zeitgenössischen Wohndesigns von der Stiftung „Via Milano New Dutch Design“, einer Initiative des Berufsverbandes Niederländischer Designer (BNO).

Dass die holländische Gestaltungskultur, die bis Anfang der neunziger Jahre fast ausschließlich für ihr modernes Grafikdesign berühmt war, heute weltweit zu den lebendigsten und kreativsten zählt, ist nicht zuletzt dem breit angelegten staatlichen Unterstützungsprogramm zuzuschreiben. Beflügelnder Kreativmotor für den rasanten Aufschwung war und ist das 1993 gegründete Netzwerk „Droog Design“ (www.droogdesign.nl), das mit augenzwinkernd schrägem Eklektizismus die Konventionen herkömmlich funktionalen Alltagsdesigns untergräbt.

Anders als in Deutschland scheinen die Designer in den Niederlanden komplett ohne theoretischen Überbau auszukommen und wenig Gestaltungsballast mit sich herumzutragen. In seinem Buch „False Flat – Why Dutch Design Is So Good“ (Phaidon Verlag. 2004. 69,95 Euro) vergleicht Aaron Betsky die alle Lebensbereiche umfassende Designkultur seines liberalen, weltoffenen Heimatlandes mit der ureigensten Fähigkeit der Holländer, nämlich Land und Zivilisation aus dem Nichts zu schaffen.

Eine der Designerinnen, die tatsächlich nach diesem Kreativitätsmotto arbeitet, ist Claudy Jongstra. Die Textildesignerin, deren Filzarbeiten bereits im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurden, züchtet zur Gewinnung ihres Rohmaterials rund zweihundert zottelige Schafe. Aus der Wolle arbeitet Jongstra Überwürfe, Kissen, Wandbehänge und Gardinen, die so wild wie ein Flokati daherkommen und gleichermaßen modern wie archaisch sind. Auch die innovativen Möbelentwürfe von Ineke Hans (www.inekehans.com), die wie vergrößerte Alltagsobjekte einer verspielten Schlumpfwelt aussehen, werden von der Designerin in Eigenregie aus recyceltem Kunststoff produziert. Dass zwischen Handwerk und Design keine große Trennung besteht, ist in Holland nichts Ungewöhnliches. Auch nicht, dass viele der Designer ihre Produkte selbst produzieren und vermarkten.

Dynamisch wie die Designszene ist in Holland auch der Umgang mit dem eigenen Designverständnis. So ist mit dem Erfolg inzwischen auch die Frage aufgekommen, was niederländisches Design überhaupt ausmacht. Wenn im nächsten Monat die alljährlich vom BNO herausgegebene Informations-Designbibel „Dutch Design“ präsentiert wird, trägt diese deswegen erstmals den erweiterten Titel „Real Dutch Design“ (www.realdutchdesign.com). Das Beiwörtchen „real“ soll eine Diskussion über das wahre Wesen des niederländischen Designs anstoßen, ob die vitale Designszene nicht mittlerweile ein wenig zu kreativ geworden sei. Angesichts der vielen öffentlich geförderten Designkunstprojekte könnte das durchaus zutreffen. Andererseits klingt es auch überzeugend, wenn die Designerin Miriam van der Lübbe, die in Berlin mit ihrer großartigen WaffenhalterHandtasche „Me and my beretta“ dabei ist, betont, dass es bei ihren Arbeiten nicht nur um finanziellen Erfolg, sondern immer auch um die Weiterentwicklung des eigenen Gestaltungspotenzials geht.

Nachdem man in den Niederlanden schon so frühzeitig die Bedeutung von Design für die kulturelle Identität und wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit erkannt hat, soll nun aber noch das Networking mit der Industrie verbessert werden. Diverse Institutionen (www.premsela.org) sind bereits dabei, Plattformen zu schaffen, regelmäßige Ausstellungen zu organisieren, Kommunikationswege zu optimieren. Die Bilanz erfolgreicher Industrieprodukte kann sich aber jetzt schon sehen lassen. Zu den Bestsellern gehören die Kaffeemaschine „Senseo“ von „Waac’s“ und der praktische Kinderwagen „Bugaboo“ (www.bugaboo-by.nl)

Weitere Informationen zu der Ausstellung „New Dutch Design“ gibt es bei der niederländischen Botschaft in Berlin: www.niederlandeweb.de oder Tel. 030 - 20956-0.

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