Kultur : „Recht zu haben ist langweilig“

1904 begingen deutsche Kolonialsoldaten einen Völkermord an den Herero. Der Regisseur Hans-Werner Kroesinger bringt das Thema auf die Bühne

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Im vorigen Jahr jährte sich der so genannte HereroAufstand in Deutsch-Südwest zum hundersten Mal. Bei diesem Vernichtungskrieg der deutschen Kolonialmacht gegen die eingeborene Bevölkerung wurden zehntausende Hereros und Namas umgebracht. Die Kolonialverbrechen dringen erst jetzt ins öffentliche Bewusstsein. Wie wurden Sie auf das Thema aufmerksam?

Ich habe 2001 für mein Stück „Truth commissioned by the Heart of Darkness“ in Südafrika recherchiert. Dort bin ich immer wieder auf das Thema gestoßen. Südafrika war lange die herrschende Macht in Namibia – in der Nachfolge der deutschen Kolonialmacht. Bei meinen Recherchen habe ich dann festgestellt, dass der Herero-Aufstand ausgezeichnet dokumentiert ist. Dieser erste von Deutschen begangene Völkermord ist aber lange verdrängt worden. Die Deutschen haben sich zwar gründlich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinander gesetzt, dabei aber die Vorgeschichte ausgeblendet. Mit 1904 begann die deutsche Geschichte des Völkermords im 20. Jahrhundert.

Ihre Spurensuche hat Sie diesmal durch Berlin geführt. Wie hat sich die deutsche Kolonialgeschichte hier abgelagert?

Im Wedding gibt es das afrikanische Viertel. Das war ursprünglich geplant worden als Ausstellungsgelände: exotische Tiere und Menschen sollten hier wie im Zoo ausgestellt werden. Die Straßennamen „Swakopmunderstraße, Lüderitzstraße“ verweisen auf Deutsch-Südwest. Eine weitere Spur führte mich in die Charité, die eine große Anzahl von Herero-Schädeln in ihrer Sammlung hat. Die Rassenkunde war ein großer Forschungszweig Anfang des 20. Jahrhunderts. Heute würden die Wissenschaftler die Schädel gern zurückschicken, nur keiner weiß, wessen Köpfe das sind. Wem gibt man sie zurück?

Sie sind dafür bekannt, dass Sie gründlich recherchieren – und dass Sie in ihren Stücken Dokumentation und Fiktion verquicken. Welche historischen Quellen verwenden Sie in „Herero 100“?

In der Staatsbibliothek habe ich den Vortrag eines Angehörigen des Deutsch-Südwestafrika-Korps entdeckt. Der ist 1906 im Auftrag des Generalstabs durch 35 Städte gereist, um der deutschen Bevölkerung die Notwendigkeit des Kriegs zu erklären. Wir benutzen die Lichtbilder, mit denen dieser Maximilian Bayer seinen Vortrag illustriert hat. Da finden sich neben Landschaftsaufnahmen auch Bilder von schwarzen Gefangenen in Eisen.

Man denkt sofort an die Wehrmachtsausstellung. Lassen sich die Völkermorde von 1904 und von 1939 bis 1945 miteinander vergleichen?

Es ist ein ähnlicher Vorgang: Soldaten haben ihre Opfer fotografiert. Die Fotos lassen den kolonialen Blick einer überlegenen Rasse auf die Unterlegenen erkennen.

Sehen Sie denn eine Verbindung zwischen dem Völkermord in Afrika und der Vernichtung der Juden?

Die aufständischen Hereros, die überlebt haben, wurden zusammengefasst in „Konzentrationslagern“. Dieser Ausdruck findet sich in den Unterlagen. Konzentrationslager gab es auch anderswo, aber das Konzept „Vernichtung durch Arbeit“ haben die Deutschen eingeführt. Im Lauf meiner Arbeit hat sich die These herausgebildet: Da wird etwas exportiert nach Afrika – und die Erfahrungen setzen sich dann fort in der industriellen Vernichtung der Juden.

Ist es möglich, den Herero-Aufstand aus einer anderen als der europäischen Perspektive zu schildern?

Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir auf Dokumente der Besiegten zurückgreifen können. Es gibt Briefe der Hereros, in denen sie mit den Deutschen verhandeln – die haben wir einmontiert in das Stück. Und es gibt Zeugenaussagen. Die Briten haben 1915 eine Untersuchung durchgeführt, in der die Hereros und Namas nach den Ereignissen befragt wurden, diese Ergebnisse veröffentlichten sie im Blue Book, das dann zehn Jahre später wieder eingezogen wurde.

Sehen Sie sich in einer Traditionslinie des Dokumentartheaters, das in den Zwanzigerjahren mit Piscator begann?

Ich komme aus dieser Tradition. Aber wenn man sich die Stücke aus den Sechzigerjahren anschaut, auch die guten Stücke, dann weiß man sehr schnell, auf welcher Seite der Autor steht. Das Andere an meinen Arbeiten ist: wir schaffen ein Feld von möglichst vielen Perspektiven auf ein historisches Geschehen. Am Ende des Stücks, wie auch am Ende des Rechercheprozesses hat man das Gefühl, dass man weniger über den Gegenstand weiß als vorher, das Problem ist komplexer geworden. Aber das Dargestellte wirft Fragen auf.

Sie treten demnach nicht mit dem Anspruch auf, uns die Welt zu erklären, wie sie ist?

Es geht mir nicht um die Rekonstruktion einer wie auch immer gearteten historischen Wahrheit. Die ist auch nur vom jeweiligen Kenntnisstand und der Perspektive des Betrachters abhängig. Aber die Geschichte liefert Modelle. Theater ist nur eine Annäherung an einen Gegenstand und gibt den Machern und dem Publikum Raum, sich damit freiwillig zu beschäftigen.

Sie sind ein Skeptiker, der nicht eindeutig Position beziehen will. Verspüren Sie nie den Impuls, den Rechtlosen und Unterdrückten eine Stimme zu leihen?

Das wäre langweilig, immer auf der richtigen Seite zu sein und völlig wirkungslos. Da ist mir Heiner Müller sympathischer, der in der „Hamletmaschine“ formuliert: Mein Platz in der Zeit des Aufstandes wäre auf beiden Seiten der Front. Das Schöne am Theater ist doch seine Amoralität. Und dass man auch die Perspektive des Täters einnehmen kann. In „Q & A – Questions & Answers“, meinem Stück über den Eichmann-Prozess, muss der israelische Vernehmungsbeamte Avner Less sich auf die Logik Eichmanns einlassen. Wenn man an diesen Punkt kommt, versteht man mehr über das Wesen des Faschismus, als wenn man sagt: Eichmann ist ein böser Mensch. In „Herero 100“ muss sich der Zuschauer auf die Perspektive der Kolonialherren einlassen. Nur so versteht er den Rassismus in Südwestafrika – und was dann auf der nächsten Entwicklungsstufe passierte, als es um Europa ging.

Das klingt nach einer gewissen Geschichtsskepsis?

Das Interessante an der Auseinandersetzung mit Geschichte ist: Es gibt bestimmte historische Kontinuitäten. Es ist gut, die immer wieder anzuschauen.

Das Gespräch führte Sandra Luzina.

„Herero 100“ hat am Samstag im Hau 3 (Tempelhofer Ufer 10, Kreuzberg) Premiere, 20 Uhr.

Hans-Werner Kroesinger , 42, wurde mit akribisch recherchierten Dokumentarstücken bekannt. Bereits in „Truth“ setzte sich der Regisseur mit deutscher Kolonialgeschichte auseinander.

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