Kultur : Rechts gegen Rock

DDR 1987: Skinheads mischen ein Konzert von Element of Crime in der Zionskirche auf. Eine Spurensuche

Lasse Ole Hempel

„Wir hatten gerade fertig gespielt“, erzählt Sven Regener, der 1987 vor allem englische, melancholisch angehauchte Songtexte schrieb und keine Bestseller. „Dann hörten wir, das von vorne irgendwas kam. Wir guckten hoch, hörten Geschrei, die Leute wogten hin und her. Alle dachten, die Polizei ist jetzt da.“

Tatsächlich wurden Regener und sein Publikum Zeugen des ersten massiven Auftretens gewaltbereiter Skinheads in der DDR – ein früher Ausläufer jener Welle rechter Gewalt, die nach der Wende die Bundesrepublik schockieren sollte. Im Bericht der Staatssicherheit beginnt der Angriff am 17. Oktober 1987 um 22 Uhr 30, die Beamten sprechen von 20 Skinheads, die „mit Fahrradketten und Fenstergriffen bewaffnet“ in die Zionskirche eindrangen. Das Gotteshaus war zu diesem Zeitpunkt mit etwa 1000 Besuchern dicht besetzt. Die West-Berliner Band „Element of Crime“ gab bereits ihr zweites illegales Konzert in jener Kirche, in der die Umweltbibliothek und damit ein wichtiger Teil der DDR-Opposition ihre Heimat gefunden hatte.

Regener erinnert sich, dass er bereits vor dem Angriff ein mulmiges Gefühl hatte: „Die Leute hingen in den Kanzeln und wurden von den Ordnern weggedrückt. Dabei waren die Leute extrem cool, sonst wäre das alles anders gekommen.“ Der Journalist und Buchautor Ronald Galenza machte als Augenzeuge „etwa 30 enthemmte, entfesselte Glatzen“ aus, die mit Parolen wie „Juden raus aus Ost-Berlin“ auf wehrlose Konzertbesucher einprügelten. „So etwas gab es bislang alles gar nicht. Das war ein Schock, und anschließend war nichts wie zuvor.“

Als sich einige der Konzertbesucher – teilweise unter Zuhilfenahme herumstehender Musikinstrumente – zur Wehr setzten, mussten die Angreifer sich aus dem Kirchenschiff zurückziehen. Der Kampf ging draußen und somit vor den Augen zahlreicher Volkspolizisten weiter. Da die Ordnungshüter nicht eingriffen, glauben bis heute viele, dass die Obrigkeit es gerne sah, wenn sich DDR-Subkulturen gegenseitig dezimierten. Verlässliche Angaben, wie viele Menschen am 17. Oktober in und vor der Zionskirche verletzt wurden, gibt es nicht.

Ronny Busse trägt auch heute noch kurze Haare. Zum Gespräch erscheint er mit Irokesenfrisur: Die geschorenen Haare in der Mitte bilden einen Kamm, links und rechts der blanke, teilweise tätowierte Schädel. Jener 17. Oktober war für Busse eine Art Wendepunkt im Leben. In der Kneipe Sputnik in der Greifswalder Straße feierte er an diesem Tag mit rund 100 gleichgesinnten Skinheads einen Geburtstag. Es soll reichlich Alkohol geflossen sein, dann hätten einige daran erinnert, dass da ja noch eine Rechnung offen sei mit den Punks, die sich zeitgleich in der Zionskirche trafen.

Nach dem Angriff landeten neben Busse insgesamt zwölf DDR-Skinheads auf der Anklagebank. Im offiziellen Sprachgebrauch war von „Rowdys“ die Rede, um zu vertuschen, dass in den eigenen Grenzen trotz offiziell verordnetem Antifaschismus rechtsradikales Gedankengut gedeihen konnte. Zumindest intern aber schien die Staatssicherheit die tatsächliche Dimension des Problems erkannt zu haben: „Diese Vorkommnisse kennzeichnen die Gesellschaftsgefährlichkeit der Skinheadbewegung und belegen die Notwendigkeit, dieser Erscheinung verstärkte Beobachtung in der operativen Arbeit zu schenken“, hieß es eine Woche nach dem Überfall in einem internen Papier. Eine eigens gegründete Abteilung sollte fortan die rechte Szene erforschen. Offiziell verfolgte man jedoch eine andere Spur: Man suchte den Beweis, dass das Böse aus dem Westen eingedrungen war. Die Vorlage lieferten die verurteilten Skinheads selbst, die in ihrer Not einen gewissen „Bomber“ erfanden, einen Rechtsradikalen aus West-Berlin, der alles initiiert haben sollte. Die DDR fahndete sogar mit einem an die West-Berliner Justiz gerichteten Rechtshilfeersuchen nach dem großen Unbekannten – ohne Erfolg. Dabei seien, wie Busse heute zugibt, an jenem Abend tatsächlich fünf befreundete Skinheads aus West-Berlin dabeigewesen sein, die aber keine besondere Rolle gespielt hätten.

Im Prozess vor dem Stadtbezirksgericht Berlin Mitte weist der Staatsanwalt dem damals 22-jährigen Busse die Rolle des Anführers zu. Mit vier Jahren erhält er wegen „öffentlicher Herabwürdigung“ und „Rowdytum“ die höchste Strafe unter den Angeklagten. Busse ist inzwischen überzeugt, dass sich Egon Krenz und Erich Honecker bereits vorab auf das Strafmaß geeinigt hatten: „Sogar die Pressemitteilung war schon vor Prozessende fertig. Hab’ ich alles Schwarz auf Weiß, und kann im Bundesarchiv für Stasiunterlagen eingesehen werden.“

Mit dem Argument einer neuen Beweislage versucht Busse derzeit, seinen Fall wieder aufzurollen. Er fordert seine Anerkennung als Opfer des SED-Regimes, was ihm eine Rente und Entschädigungszahlungen einbringen würde. Im Mai 1990 wurde er aus dem berüchtigten Stasigefängnis Bautzen entlassen, in dem er die „besonderen Vollzugsmaßnahmen“ des DDR-Strafsystems zu spüren bekam: kein Resozialisierungsprogramm, kaum Bildungsangebote, einzig die Mutter bekam Besuchsrecht. Sicher, er war kein Unschuldslamm damals – aber nach dem Konzert wurde er zum Sündenbock. Mit Busse glaubte man, sich einer ganzen Bewegung entledigen zu können.

Doch auch nach dem Vorfall in der Zionskirche sollten rechte Täter in der DDR von sich reden machen. Anfang 1988 kletterten Jugendliche über die Mauer des Jüdischen Friedhofs an der Schönhauser Allee und verwüsteten Gräber. „Das Faschismus-Bild der DDR-Geschichtsbücher vermag die Heranwachsenden offenbar nur noch ungenügend zu erreichen“, urteilte danach der Schriftsteller Rolf Schneider in einem Radiobeitrag. „Die ausführliche paramilitärische Ausbildung im Jugendalter“ fördere „Härte, unbedingten Gehorsam, Kampfgeist, Unduldsamkeit und Überlegenheitswillen“.

Tatsächlich brachten die plötzlich auftauchenden Skinheads nicht nur das Bildungssystem der DDR in Misskredit, sie offenbarten auch den fortschreitenden Verfall eines nach außen hin weiterhin selbstsicher auftretenden Regimes: Spukten doch 1987 mit Punks und Skinheads gleich zwei Jugendkulturen in der DDR-Öffentlichkeit herum, die auf das sozialistische Wertesystem pfiffen und auch kaum Angst vor Reglementierungen und Strafen zeigten. Den Glauben an eine Karriere im verkrusteten DDR-System hatten sie längst aufgegeben – auch das mag eine Parallele zur Entwicklung nach 1989 sein: Schließlich ist Perspektivlosigkeit noch immer der beste Gärstoff für rechte Umtriebe.

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