Kultur : Rechts in der ersten Reihe

Frederik Hanssen

Das Boulevardblatt "BZ" brachte es kürzlich auf den Punkt. Über einer Doppelseite prangte in großen Lettern: "Die Schrott-Oper". Darunter war im Aufriss ein Modell der Staatsoper Unter den Linden abgebildet, versehen mit jeder Menge Hinweispfeilen zu jenen Stellen des traditionsreichen Gebäudes, an denen Wasser durch die Wände sickert, Rohre tropfen, brüchtige Kabel lauern, technische Einbauten nicht mehr funktionieren. Seit vielen Jahren schon ringt Intendant Georg Quander darum, dass endlich mit den Sanierungsarbeiten begonnen wird. Jetzt, zum Ende seiner Amtszeit, scheint es so weit zu sein.

Aber nicht etwa der Berliner Senat wird die nötigen Mittel bereitstellen - ein amerikanischer Mäzen könnte die Lindenoper vor dem Zugriff der Baupolizei retten. Alberto Vilar, der spendabelste Opernfan der Welt, befindet sich in intensiven Gesprächen mit dem Musikchef des Hauses, Daniel Barenboim. Das bestätigte der Künstler gestern gegenüber dem Tagesspiegel. Solange sich Vilar noch mit den Sachfragen vertraut macht, möchten jedoch weder Barenboim noch der Philanthrop konkrete Summe nennen. Als Vilar jüngst auf Einladung der Bundesregierung eine Tour durch Deutschland unternahm, kündigte er allerdings an, vier große Projekte mit einem Volumen von jeweils mindestens 25 Millionen Mark finanzieren zu wollen.

Eines davon ist das von Simon Rattle dringend gewünschte Jugendförderprogramm der Berliner Philharmoniker. Das Spitzenorchester bekam den Zuschlag, weil sich Vilar bestens mit dem neuen Intendanten Franz Xaver Ohnesorg versteht. Dem wohlhabenden Wohltäter ist es nämlich äußerst wichtig, dass zwischen ihm und seinen Partnern "die Chemie stimmt". Das scheint auch beim Leitungsteam der Staatsoper der Fall zu sein. Nachdem die Planungskosten für das mehrjährige Sanierungs-Vorhaben durch Sondermittel des Kulturstaatsministers für die Neuen Bundesländer gesichert sind, kann es Unter den Linden wohl bald losgehen.

Doch nicht nur die Machern müssen dem Musiktheatermaniac Vilar, der am liebsten "ganz rechts in der ersten Reihe" sitzt, gefallen - sondern auch die Aufführungen. So gesehen ist es gar nicht schlecht, dass Vilar bislang in Berlin nur Abende Unter den Linden erlebt hat. Auch der Intendant der Deutschen Oper, Udo Zimmermann, buhlt nämlich um Vilars Gunst. Er möchte ihn für eine "internationale Musiktheaterakademie" gewinnen, ein Projekt,für das in seinem zusammengeschrumpften Etat keine Mark mehr übrig ist. Dass auf die Staatsoper nach dem Kanzler-Geschenk jetzt auch noch der Vilar-Geldsegen niedergehen könnte, wird die Stimmung an der Deutschen Oper kaum heben. Diese Motivations-Probleme lassen sich durch milde Gaben kaum lösen - sondern nur dadurch, dass man den Leuten in der Deutschen Oper wieder das Gefühl gibt, in der Berliner Musikszene nicht zweitklassig zu sein. Dafür ist Vilar der falsche Mann. Dies können nur die leisten, die von Amts wegen zuständig sind: die Kulturpolitiker.

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