• Rechtschreibreform: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kehrt am 1. August zum alten Duden zurück - ein Signal

Kultur : Rechtschreibreform: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kehrt am 1. August zum alten Duden zurück - ein Signal

Clemens Wergin

Vorgestern schien es noch ein Sturm im Wasserglas, um mit dem Aufreger-Thema Rechtschreibreform das Sommerloch zu füllen. Zu offensichtlich hatte die Tageszeitung "Die Welt" einige veränderte Schreibweisen im Ende August erscheinenden Duden zum Anlass genommen, ein klammheimliches Abrücken von der Reform zu konstruieren. Eine ganz andere Brisanz hat die Nachricht, mit der heute die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ihre Leser überrascht: Das konservative Blatt kehrt ab dem 1. August zur alten Rechtschreibung zurück.

"Statt einer neuen Orthografie haben wir viele neue Orthografien bekommen", schreibt Thomas Steinfeld im Leitartikel. Wenn die Schüler das Klassenzimmer verließen, stießen sie auf eine Orthografie, die dem Diktat ihrer Lehrer nicht entspräche. Günther Nonnenmacher, einer der Herausgeber der FAZ, nennt im Gespräch mit dem Tagesspiegel als einen der Gründe für diesen Schritt die "sinnentstellende Getrenntschreibung" der neuen Regeln. Was der Vorsitzende der Rechtschreibkommission, Gerhard Augst, vor zwei Tagen noch als "Sommertheater" bezeichnete, bekommt jetzt den Charakter einer kleinen Revolution.

Schon spricht die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung von einem "positiven Signal" und fügt hinzu, es sei nun höchste Zeit, mit dem "Rückbau der Rechtschreibreform zu beginnen". Eine Sprecherin des Axel-Springer-Verlags kündigte für kommenden Freitag gar eine Konferenz aller Chefredakteure des Verlagshauses an, auf der über Änderungen bei der Rechtschreibung entschieden werden soll: Es wird zur Jagd geblasen. Noch nie seitdem sich die ersten Wogen nach ihrer Einführung geglättet hatten, war die neue Rechtschreibung so unter Beschuss gekommen.

Nonnenmacher bestreitet allerdings, dass es sich hier um eine konzertierte Aktion handelt. Nachdem man vor knapp einem Jahr aus pragmatischen Gründen umgestellt habe, als die Nachrichtenagenturen auf die Neuschreibung umschwenkten, "haben wir es ehrlich probiert", sagte der FAZ-Herausgeber. Die Praxis machte aus theoretischen Gegnern der neuen Rechtschreibung empörte Benutzer derselben: "Vor einem halben Jahr haben wir erkannt, dass die Reform nicht handlebar ist, ohne dass es zu Sinnentstellungen kommt." Deswegen habe man Hausregeln entworfen, die die schlimmsten Ungereimtheiten beseitigen sollten, ohne gleich zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Eine hausinterne Studie habe dann aber ergeben, dass ein drittes Regelwerk "alle in den Wahnsinn treiben würde; Leser, Korrektoren und Redakteure". Danach habe es nur zwei Möglichkeiten gegeben: "Entweder wir schreiben: das ist alles Blödsinn, aber wir machen ihn mit. Oder wir kehren zur alten Rechtschreibung zurück."

Dem Herausgeber selber seien erste Zweifel gekommen, als er in einem Leitartikel "das wiedervereinigte Deutschland" in den Computer geschrieben hatte. Am nächsten Tag habe dann aber - korrigiert nach der neuen Rechtschreibung - "das wieder vereinigte Deutschland" im Blatt gestanden.

Gegenüber ihren Lesern argumentiert die FAZ, die neue Rechtschreibung habe die Einheitlichkeit der deutschen Sprache zerstört. "Von den vielen Wörterbüchern, die seitdem geschrieben worden sind, ist nicht eines mit dem anderen identisch", heißt es. Ein zweischneidiges Argument. Zwar hatte Augst im Gespräch mit dem Tagesspiegel zugegeben, dass die ersten Ausgaben des Duden und des Wörterbuchs von Bertelsmann einige Abweichungen aufwiesen, "vielleicht auch, weil alles so schnell gehen musste". Inzwischen hat man sich aber in allen Streitfällen auf eine gemeinsame Version geeinigt. Der Ende August in den Buchhandel kommende Duden wird also keine Abweichungen mehr von der schon im März 1999 revidierten Bertelsmann-Version aufweisen. Kommt die Umkehr der FAZ also gerade zu dem Zeitpunkt, an dem eine schlingernd gestartete Reform langsam Tritt fasst?

Die Nachrichtenagenturen reagieren abwartend. Die Medienkunden hätten den Wechsel zur neuen Schreibweise vor knapp einem Jahr sehr positiv aufgenommen, sagte Reuters-Chefredakteur Hans Obermeier am Mittwoch in Berlin. In den kommenden Wochen werde die Nachrichtenagentur beobachten, wie sich die Kunden, aber auch die Verantwortlichen in der Politik zu Änderungen bei der reformierten Rechtschreibung äußerten. Gegebenenfalls werde Reuters das Gespräch mit den anderen Agenturen suchen, um die vorgegebenen Änderungen dann wieder gemeinsam vorzunehmen.

Der Chefredakteur der Deutschen Presseagentur (dpa), Wilm Herlyn, sagte, die Agenturen hätten verabredet, eine einheitliche Version der neuen Rechtschreibung zu nutzen und würden dies auch weiter tun.

Dennoch ist die Aktion der FAZ zweifelsohne ein schwerwiegender Schritt, der Auswirkungen haben wird. "Sprache und Politik" ist der Leitartikel von Thomas Steinfeld übertitelt. Seine These: Es sei von vorneherein falsch gewesen, dass die Politik glaubte, per Beschluss eine neue Rechtschreibung dekretieren zu können. Sprachpolitik ist aber auch, was die FAZ jetzt versucht. "Wir hoffen, dass es einen Domino-Effekt gibt", sagt Herausgeber Nonnenmacher. Er plädiert dafür, dass zunächst alle zur alten Rechtschreibung zurückkehren sollten. "Die Kultusminister sollten sagen: Es tut uns Leid, das ist verunglückt, wir geben das auf", meint Nonnenmacher. Dann könne man "auf alter Basis mit einigen notwendigen Korrekturen beginnen".

Fast scheint es, als wenn das konservative Flaggschiff der deutschen Publizistik sich selbst erst an den ungewohnten Rebellenstatus gewöhnen muss. "Diese Sprache ist unsere Sprache", schreibt Steinfeld, den orthografischen Aufstand probend. Die meisten Menschen vermieden aus einer fortdauernden Unsicherheit Formulierungen, die sie in die Nähe des Neugeregelten bringen könnten. Es sei eine "Vermeidungssprache" entstanden. Eines ist jedoch klar: Eine einheitliche deutsche Sprachregelung wird die FAZ mit ihrem Schritt nicht erreichen. Eher schon das Gegenteil.

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