Kultur : Rechtschreibreform: Die Grammatik des Lernens

Roswitha Röpke

Die deutsche Rechtschreibung als Gegenstand von Unterricht ist ein hartes Stück Arbeit - für Schüler wie für Lehrer. Alles, was hier Erleichterung bringen kann, muss deshalb willkommen sein. So auch der Versuch, mit den Neuregelungen der deutschen Rechtschreibung zu mehr Regelverlass und Logik zu kommen.

In Zeiten, in denen schulisches Lernen pauschal in Frage gestellt wird, wird erst recht die seit Schülergenerationen wiederholte Frage aufgeworfen, wozu man überhaupt wissen muss, ob "bloß ein bisschen Grieß" nun jeweils mit ß oder s oder nun gar mit ss geschrieben wird - schließlich versteht doch jeder, was man meint. Nicht zuletzt der Einzug von Computern mit Rechtschreibprogrammen in die Klassenräume drängt die Bedeutung dieses Lerngegenstandes weiter zurück.

Gleichwohl gilt: Im Duden steht immer korrektes Deutsch. Spezielle Übungen im Deutschunterricht sollen helfen, seine schnelle Handhabung zu erlernen. Dafür bietet der vorliegende Duden in der 22., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage gute Bedingungen. Die Abschnitte sind klar und logisch aufgebaut, die einzelnen Seiten übersichtlich gestaltet. Der Umfang ist beeindruckend und verspricht Antwort auf alle Fragen. Auch die Aufnahme wichtiger grammatischer Fachausdrücke, deren Kenntnis und Verständnis häufig Grundlage für Regelanwendung ist, kann als hilfreich angesehen werden. Die bisherigen Wörter und Unwörter des Jahres können eine willkommene Bereicherung des Unterrichts werden.

Zweifellos haben sich trotz intensiver Fortbildung auch noch nicht alle Deutschlehrer an die neue Rechtschreibung gewöhnt. Schließlich trifft sie die Reform sozusagen mitten ins Herz; denn sie stellt ihren Wissensvorsprung in Frage. Die individuelle oder auch kollektive Sehnsucht der Deutschlehrer nach Rückkehr zur alten Schreibweise wäre menschlich nur allzu verständlich. Dennoch ist keine solche massive Forderung von dieser Seite bisher bekannt geworden. Im Gegenteil, nach Presseberichten sprechen sich Lehrerverbände öffentlich gegen einen Reformstopp aus und kritisieren ihren Präsidenten wegen anders lautender Äußerungen.

Auch eine erste Befragung von Lehrkräften durch das Pädagogische Landesinstitut Brandenburg zeigt, dass die neuen Regelungen von den Lehrkräften überwiegend positiv bewertet werden und viele das schulische Lernen erleichtern. Das gilt insbesondere für den Unterricht mit Neulernern. Als wesentliche Vereinfachung wird die Entscheidung über die Schreibung von ss bzw. ß empfunden, auch wenn hier mehr phonetische Übungen erforderlich sind, damit die Schüler Sicherheit im Erkennen eines langen Stammvokals gewinnen. Auch die Stammschreibung, die nur wenige Wörter betrifft, die selten gebraucht werden, bereitet keine nennenswerten Schwierigkeiten.

Bei Fremdwörtern können derzeit Schüler selbst entscheiden, ob sie die fremdsprachliche oder die eingedeutschte Schreibvariante wählen. Das führt zu sehr einleuchtenden logischen Handhabungen: Ist Schülern eine Schreibung vertraut, möchten sie diese beibehalten. Interessant ist, dass Lehrkräfte ebenso wie einige Schulbuch-Verlage bei den Neuregelungen zur Kommasetzung darauf verweisen, dass zu wenige Kommata das Leseverständnis beeinträchtigen. Für die Schüler allerdings stellen die neuen Regeln schon deshalb eine Erleichterung dar, weil es jetzt weniger zwingende Kommasetzungen gibt.

Zu den wirklich schwierigen Lerngegenständen im Deutschunterricht gehörten schon immer die Regelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung sowie zur Groß- und Kleinschreibung, die nun im Duden geradezu symbolisch unmittelbar aufeinander folgen. Die Neuregelungen zur Getrennt- und Zusammenschreibung haben bisher in der Schule noch nicht die angestrebte Vereinfachung gebracht, Lehrkräfte verweisen auf zu viele zusätzliche Regeln. Die Duden Redaktion weist im Vorwort darauf hin, dass in die neue Auflage geklärte Zweifelsfälle aufgenommen wurden. Im neuen Duden wird die Getrennt- und Zusammenschreibung nach sieben Gesichtspunkten behandelt und strukturiert, denen insgesamt 18 differenzierte Kennziffern zugeordnet sind. Diese Gesichtspunkte sind: Zusammensetzungen mit Verben, Wortgruppen mit Verben, Zusammensetzungen mit Adjektiven und Partizipien, Wortgruppen mit Namen auf "-er" und Zahlen. Zu allen Kennziffern sind die Aussagen übersichtlich an mehreren Beispielen verdeutlicht. In ihrer Strukturierung und klaren Formulierung könnten die Kennzifferninhalte für schulische Zwecke durchaus als systematisch erlernbare Regeln verstanden werden und eine gute Hilfe bieten; die hohe Zahl relativiert sich bei zunehmender Durchdringung.

Lehrkräfte kennzeichnen auch nach den Neuregelungen die Groß- und Kleinschreibung als einen fehlerträchtigen Bereich, wobei sie die Regelungen als gut einschätzen. Der neue Duden behandelt diese Thematik unter den sechs Gesichtspunkten: Substantive und ehemalige Substantive, Substantivierung (Gebrauch von Wörtern anderer Wortarten als Substantive), Anrede, Titel und Namen, Satzanfang sowie Einzelbuchstaben und Abkürzungen. Er braucht 31 Kennziffern, einige davon sind noch mehrteilig. Das unterstreicht die Schwierigkeiten. Die Anrede dürfte noch am leichtesten zu bewältigen sein. Erleichternd könnte wirken, dass weiterhin bei einigen Substantivierungen Groß- und Kleinschreibung zugelassen ist.

Probleme scheinen sowohl bei der Getrennt- und Zusammenschreibung als auch bei der Groß- und Kleinschreibung durchaus auch in den Neuregelungen oder gar im Duden begründet zu sein. Vor allem aber liegen sie in den oft unzureichenden Grammatikkenntnissen der Schüler. Eine Intensivierung des Grammatikunterrichts, wie viele Lehrkräfte es fordern, scheint geboten. Insofern ist der neue Duden für Lehrkräfte sicher auch Anlass, darüber nachzudenken, wie die Grundfähigkeiten bei allen Schülern noch besser gesichert werden können.

Aus schulischer Sicht gibt es derzeit jedenfalls keinen Grund für eine überstürzte Rücknahme der Rechtschreibreform. Mit dem neuen Duden haben sich die Lernbedingungen eher weiter verbessert. Schule braucht zwar Veränderung, um den sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden. Aber für das ohnehin komplizierte Erlernen der deutschen Rechtschreibung braucht sie nun gerade Beständigkeit. Hier dürfte vor allem ein Hin und Her schädlich sein.

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