Kultur : Rechtschreibreform: Keine Frage der Trennung (Leitartikel)

Malte Lehming

Weil ein Blatt sich gewendet hat, hat das Blatt sich gewendet. Nachdem die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" zur alten Schreibweise zurückgekehrt ist, sind die Anhänger der Rechtschreibreform in der Defensive. Nun tobt der Streit erneut, auch in unserer Zeitung, über den Nutzen dieser Reform. Und alle, die damals ihre Stimme erhoben, führen heute wieder das Wort: die Schriftsteller und Professoren, die Lehrer und Beamten. Noch lauter, noch schriller fallen die Angriffe aus. Lustvoll werden die "selbstherrlichen und dogmatischen Bürokraten" verspottet; Günter Grass geißelt das "doktrinäre Festhalten" an der Reform als undemokratisch; Marcel Reich-Ranicki spricht sogar von einer "nationalen Katastrophe". Augen zu und durch: Die Sturheit, selbst begründeten Einwänden gegenüber, mit der die neue Rechtschreibung durchgedrückt wurde, findet plötzlich ihr Pendant in dem anarchischen Trotz, mit dem die alte Rechtschreibung wieder belebt wird. Eine Minderheit der Deutschen hält sich an die neuen Regeln, eine Mehrheit lehnt sie ab.

Dafür indes gibt es gute Gründe. Das Ziel der Reform war es, die Schrift im deutschen Sprachraum einheitlich zu gestalten, die Regeln leichter und logischer zu machen. Das ist misslungen. In den Schulen wird eine andere Schreibweise gelehrt, als in den meisten Zeitungen praktiziert. Verlagshäuser und Nachrichtenagenturen weichen in der Umsetzung ebenfalls voneinander ab. Die Schriftsteller wiederum schreiben ohnehin weiter, wie sie wollen. Vor Einführung der Reform war die deutsche Sprache zweifellos einheitlicher als jetzt, verbindlicher. Leichter und logischer ist sie auch nicht geworden. Eines fällt daher auf: Inhaltlich finden sich kaum noch Befürworter des gesamten neuen Regelwerks. Wer es verteidigt, zählt praktische Argumente auf. Andernfalls würden die Schüler ein zweites Mal verwirrt, die Kosten für Korrekturprogramme und Schulbuch-Verlage seien immens gewesen.

Verantwortlich für das Chaos sind in erster Linie die, die es angerichtet haben. Ein Teil der Schelte, die den Kultusministern derzeit entgegengeschleudert wird, ist berechtigt. Dennoch stimmt zweierlei an der Debatte bedenklich: Zum einen die Unversöhnlichkeit der Lager, die Maßlosigkeit im Ton, zum anderen die Pauschalisierung, mit der die alte Rechtschreibung als vorbildlich tituliert, die neue dagegen als Verhunzung gebrandmarkt wird. Was ist denn passiert? Nur ein verschwindend geringer Teil der alten Rechtschreibung wurde durch die Reform verändert. Einiges davon - wie die Doppel-s-Regel, das Stammprinzip (mit einigen Ausnahmen) oder die Silbentrennung - lässt sich als gelungen bezeichnen. Anderes - wie der "Balletttänzer" oder die "Schifffahrt" - mag ästhetisch ungewohnt wirken, könnte sich aber ohne Schaden behaupten. Bleiben zuletzt die wenigen Absurditäten - insbesondere bei der Getrennt- und Zusammenschreibung sowie bei der Groß- und Kleinschreibung. Doch durch sie wird das Fundament der deutschen Sprache nicht bedroht. Kein Text, ob in neuer oder alter Schreibweise verfasst, ist unverständlich. Außerdem haben Sprachregeln noch nie für die Ewigkeit gegolten. Sie entwickeln sich sowohl durch Vorgaben als auch durch den Gebrauch. Etwas mehr Gelassenheit und Zuversicht tut Not: Was schlecht ist an der Reform, wird sie nicht lange überleben.

Aber kann man dann nicht gleich zur alten Schreibweise zurückkehren? Sicher, man kann. Das allerdings hieße, aus Wut über den Wirrwarr die Chance zu vergeben, die sich jetzt bietet. Nie zuvor wurde in der Bundesrepublik so engagiert über die Sprache gestritten wie heute. Das ist das Gute an dem Debakel. Wer den Zwist jedoch allein in Entweder-oder-Kategorien austrägt, verstellt die Sicht auf das, was an den neuen Regeln vernünftig ist. Sie in Bausch und Bogen zu verdammen, mag vom Ergebnis aus betrachtet eine verständliche Erregung sein. Beschönigen sollte man das Durcheinander nicht. Sinnvoller aber wäre es, wenn Puristen und Reformer von ihren hohen Rössern stiegen und aufeinander zugingen. Die Rechtschreibung zieht, wie kaum ein anderes Thema, Rechthaber in ihren Bann. Das schadet der Sache. Denn die Reform der Reform, wenn sie denn stattfindet, muss ein Mittelding sein aus Alt und Neu.

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