Kultur : Rechtsfreier Traum

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Peter von Becker über Theater,

Justiz und die Konkurrenz am Rhein

Die Geschichte der Nibelungen endete wie bekannt. Kriemhilds Rache, aus verletzter Liebe und verletztem Recht geboren, riss Nibelungen und Hunnen allesamt ins Verderben. Mann und Maus, der schiere Graus.

Und alles begann in der schönen Stadt Worms am Rhein. Auch die schöne Stadt Freiburg liegt im Tal des Rheins, und es herrscht, der Nibelungen wegen, neuerdings Theaterkrieg zwischen den Städten. In Worms hatten sie grad diesen Sommer die alten NibelungenFestspiele mächtig erneuert: mit einem neuen Nibelungen-Stück des Berliner Dramatikers Moritz Rinke, mit einem tollen Freilichtspektakel vor dem Dom, mit Mario Adorf als Hagen, mit Dieter Wedel als Regisseur, mit Starschauspielern und 100 Wormser Komparsen, mit über 20000 Zuschauern vorm Dom und einer Million an zwei Fernsehabenden. Ein Erfolg.

Nun haben Rinke und sein Theaterverlag ein verändertes Nibelungen-Stück auch ans Theater der Stadt Freiburg vergeben, dort ist es letzten Freitag unter dem Titel „Kriemhilds Traum“ uraufgeführt und vom Landgericht Mannheim (direkt am Rhein) per Einstweiliger Verfügung mit weiterem Aufführungsverbot belegt worden. Zwar verhandeln Worms und Freiburg noch außergerichtlich, aber die heute Abend angesetzte, ausverkaufte Freiburger „Kriemhild“-Vorstellung darf nicht stattfinden. Aus der Traum.

Für Freiburg und seine offenbar fulminant in die Saison gestartete junge Intendantin Amélie Niermeyer ist das ein Alptraum. Denn ihr Theater kämpft angesichts Freiburger Haushaltskürzungen trotz erster Erfolge ums Überleben. Selbst eine Kammerspiel-Produktion wie „Kriemhilds Traum“ kostet eine sechsstellige Summe – und soll umsonst geplant, geprobt, inszeniert worden sein?

Diese Frage muss die Stadt Worms zunächst nicht kümmern. Worms hat für seine „Nibelungen“ dreieinhalb Millionen Euro aufgewendet, hat mit dem Autor einen Exklusivvertrag geschlossen – ob der später aufgehoben oder mit einer Ausnahmeregelung versehen wurde, war strittig. Aber Worms hat vor Gericht Recht bekommen. Sein Exklusivrecht. Und die Wormser Rinke-Nibelungenfestspiele sollen im Sommer weitergehen.

Nur, schadet Freiburg mit seiner Kammerspielversion (ohne überregionale Schauspieler-Prominenz) für jeweils 150 Zuschauer dem großen Wormser Freilichtspiel vor je 2000 Besuchern? Angerichtet ist jetzt in Freiburg ein Scherbenhaufen. Also bittet das dortige Theater um die Genehmigung, wenigstens zehn oder ein paar mehr Vorstellungen diesen Winter spielen zu dürfen. Die sind lange vorbei, bis es wieder August wird in Worms und die Fans und Touristen strömen. Gnade vor Recht? Zumindest etwas Großmut, Vernunft und Versöhnung zwischen zwei Kommunen in finanz- und kulturpolitisch harten Zeiten wäre jetzt angesagt. Geht es doch um Kunst, die das Geschäft nicht stört, um Theater, und nicht wirklich um Krieg. Zwei Bürgermeister, ein Wort!

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