Kultur : Red Bull statt Rotwein

FLAMENCO

Roman Rhode

Flamenco bedeutet Fusion, seit eh und je. Dennoch gibt es in Spanien Musiker und Kenner, die in Feuilletons und auf der Flamenco-Biennale in Sevilla die Reinheit der Gattung beschwören – als Ghetto-Musik aus dem 19. Jahrhundert. Schon vor 30 Jahren rebellierten dagegen Bands wie Triana oder Medina Azahara, die den Flamenco Rock-kompatibel machten. So auch Ojos de Brujo : seit 1996 sind sie weltweit die einzige Flamenco-Formation mit DJ und Soundmaster, der die urigen Klänge durch ein modernes Club-Feeling belebt. Auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt , wo Ojos de Brujo beim Popdeurope-Festival auftreten, stehen deshalb nur tropische Cocktails und Red Bull statt Rotwein und Sangría auf der Getränkekarte. Die Band (auf Deutsch: „Hexer-Augen“) stammt aus Barcelona – jener katalanischen Hafenstadt also, die lange Zeit als Auffangbecken andalusischer Migranten diente und heute als Spaniens kreativste Metropole gelten darf. Entsprechend geben sich die acht Musiker von Ojos de Brujo auf ihrem furiosen Konzert: Bulerías, Rumbas, Tanguillos und Soleás behalten zwar ihre rhythmisch-vertrackte Grundlage, der tiefgreifende Gesang aber lodert zwischen Scratching und Rap immer wieder überraschend neu auf – Cante Jondo goes HipHop. Und als Belén Maya, die Ex-Primaballerina der Compañía Andaluza de Danza, die Bretter betritt, zeigt sich, dass selbst eine Tänzerin der alten Schule mit dem neuen Flamenco-Beat wunderbar zurechtkommt. Wenn sich auch vieles ändert: Flamenco bleibt improvisierte Musik.

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