Kultur : Reden über das Reden über die Liebe

Christiane Peitz

Es ist vorbei. Übrig bleibt eine Erinnerung. Eine? Nein, zwei. Sie sitzt in ihrer Wohnung auf dem Sofa und sagt, der Kontakt sei über das Minitel zustande kommen. Er sitzt in seiner Wohnung am Tisch und erzählt von einer Zeitungsannonce. Und dass das erste Mal ziemlich enttäuschend war. Sie hingegen schwärmt davon, wie außergewöhnlich schön es bereits beim ersten Mal war. Was sie genau miteinander trieben, hinter der verschlossenen Hotelzimmertür, verraten sie nicht. Die Erinnerungen unterscheiden sich, aber sie teilen das gleiche Geheimnis: eine sexuelle Fantasie, die sie auslebten, ein halbes Jahr lang in Paris. Bis es vorbei war.

Aber wer weiß. Frédéric Fonteynes Film spricht eine einfache, minimalistische Sprache und ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Zwei Menschen - sie bleiben namenlos - erinnern sich, jeder für sich. Aber sprechen sie wirklich von der gleichen Beziehung, die sich in Rückblenden offenbart? Oder ist es nur die Fantasie des anonym bleibenden Interviewers, die das Paar in der Vorstellung vereint und die Bilder überhaupt erst hervorbringt?

Passanten in der Großstadt, Slowmotion, verwischt. Nathalie Baye und Sergi Lopez treffen sich im Café. Sie kennen einander nicht, sind scheu, linkisch, verlegen. Sie hat ein Hotelzimmer reserviert. Das Paar geht die Hoteltreppe hinauf, den Flur entlang, einen mit dickem, rotem Plüschteppich ausgelegten Flur, rote Wände, rote Türen: rot wie die Bordelle in den Kinofilmen. Dann stehen sie schon wieder auf der Straße, verabschieden sich und treffen die nächste Verabredung. Donnerstag. Immer donnerstags. Ein Treffen, der rote Flur, die Trennung danach. Von dem, was dazwischen liegt, gibt es kein Bild in diesem Film, der "Eine pornographische Beziehung" heißt und genau das ausspart: den Sex, die Tricks und die Technik der Körper beim Liebesakt.

Der Sex ist eine Verabredung, mehr nicht. Die Liebe entsteht anders. Sie entsteht - und deshalb ist dieser Film des belgischen Regisseurs Fonteyne so französisch, wie ein Film nur sein kann - im Gespräch. Im Café, beim hastigen Aufbruch Richtung Hotel, später beim Essen, beim Reden über die Liebe. Und beim Reden über das Reden über die Liebe. Schnitt und Gegenschnitt, die einfachste Dialogmontage der Welt. Die Kamera beobachtet nicht, taxiert nicht, sondern benimmt sich wie eine Komplizin. Sie hält die gleiche Balance zwischen Neugier und Scheu wie Nathalie Baye und Sergi Lopez. Ein altmodischer Film.

Eine spricht, und ein anderer hört zu. Nathalie Bayes Worte spiegeln sich im Blick von Sergi Lopez. Sie denkt nicht nach, plappert drauflos, ohne Kalkül. Er zieht die Augenbrauen hoch, presst die Lippen zusammen, ist amüsiert, erstaunt, befremdet. Sie flirten nicht, verführen nicht, verhalten sich nicht strategisch und geben keine Erklärungen ab. Sie sind einfach einverstanden mit dem, was der andere sagt. Die Sensation dieses Films - das Pornographische, wenn man so will - liegt im offenen, ungeschützten Blickwechsel zweier wunderbarer Darsteller, die es nicht nötig haben, ihre Vorzüge zur Schau zu stellen. Es sieht simpel aus und ist doch vermutlich das Schwerste, was die Apparatur des Kinos bewerkstelligen kann: zu zeigen, wie zwei einander begehren und dabei nicht zu stören.

Sie verlieben sich also. Denn sie haben keine Arbeit miteinander - das ist selten zwischen Mann und Frau. Die Frau sagt, seit diesem Tag sei sie verloren gewesen. Weil sich nicht mehr wusste, was sie empfinden sollte. Frédéric Fonteyne findet stille Bilder für ihre Verwirrung. Er lässt den beiden die Freiheit, nicht zu begreifen, was mit ihnen geschieht.

Dann sieht sie man doch im Bett liegen. Sie haben beschlossen, sich auf die klassische, gewöhnliche Weise zu lieben. Sie albern herum, schämen sich ein bisschen, reden über das, was sie tun, über die Haare, den Orgasmus, die Stellungen und den peinlichen Anblick der Verzückung. Sie breiten das Laken über sich aus, und wieder sind wir, die Zuschauer, nicht dabei. Da ist nur ein Bettlaken-Ungetüm, das irgendwann zur Ruhe kommt. Die Kamera bewegt sich kaum. Auch sie schämt sich ein bisschen für ihre Indiskretion, schaut von der Zimmerdecke herab, zeigt Nathalie Bayes Rücken, zwei Körper, erschöpft.

Eines Tages stirbt auf dem roten Hotelzimmerflur ein alter Mann. Im Sterben sagt er zu Sergi Lopez, man möge seine Frau nicht benachrichtigen. Im Krankenhaus erscheint sie schließlich, eine alte Frau mit strengen Gesichtszügen, die meint, man müsse sich erschießen, wenn derjenige geht, dem man sein Leben geopfert hat. Ein Satz, der alles sagt über das Besitzergreifen und die Einsamkeit in der Liebe. Er ängstigt die Jüngeren. Später entdeckt Nathalie Baye die Todesanzeige der Frau, die sich umgebracht hat. Die Liebe kann den Tod nicht überwinden. Und so endet "Eine pornographische Beziehung" ebenso, wie sie begann: mit der Macht der Worte über unsere Fantasie. Über das, wovon es kein Bild gibt.Broadway, Eiszeit, Filmkunst 66, fsk (OmU), FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Passage

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