Kultur : Redeschlacht um Liebe

CHRISTOPH FUNKE

Was man auch sagt, es stimmt.Was man auch sagt, es ist gelogen.Ulrich Hub schickt in seinem Stück "Die Beleidigten" zwei Männer und zwei Frauen in ein seelisches Gemetzel.Aber es fließt kein Blut, es gibt, von einer Ohrfeige abgesehen, so gut wie keine körperlichen Berührungen, und nur verbale Entgleisungen kommen vor.Robert, Florian, Renate und Marion haben sich zu einem Streichquartett zusammengefunden, proben für ein Konzert auf der Museumsinsel.Aber wenn sie die Instrumente aus der Hand legen, beginnt der Überlebenskampf, die Redeschlacht um Liebe, Eifersucht und Talent.Der Versuch, sich selbst groß aufzubauen und den Partner niederzuzwingen, verfängt sich in einem gespenstischen Durcheinander von Träumen und Wunschvorstellungen, von Wahrheit und Lüge.

Wie im Streichquartett gehen die "Stimmen" ineinander über, wandern von Instrument zu Instrument, von der Höhe in die Tiefe, von der Ruhe in die Leidenschaft.Nichts wird greifbar, alles bleibt flüchtig, Berichte, Argumente, Behauptungen verwehen ins Nichts.Die Geschlechter treten gegeneinader an, aber auch die Frauen fügen sich Verwundungen zu, die Männer verraten ihre Freundschaft."Ich habe festgestellt, daß man über jeden beliebigen Menschen eigentlich alles und jedes sagen kann, es stimmt irgendwie immer." Florian, die zweite Geige, kommt zu dieser Erkenntnis, aber vor ihm haben es die anderen auch schon ausgesprochen.Wer da wen liebt, betrügt, hintergeht, was wirklich stattgefunden hat mit dem Cellisten in der 2.Reihe des Orchesters, wer da mit welcher Haltung zu viel oder zu wenig Bemühung in das Quartett einbringt - es wird immer und immer wieder beredet, aber nicht geklärt.Alles, was gesagt wird, ist richtig, und alles ist falsch.

Ulrich Hub läßt die poetisch eingefärbten, der Umgangssprache nahen Texte durch die Figuren hindurchgehen.Keine von ihnen hat ein bestimmbar eigenes Leben, weil sie ihre Existenz aus Gedanken und Gefühlen bauen, die auch die anderen haben.Darin liegt eine raffinierte Spannung.Jede Aussage, ob sie von den Männern kommt oder von den Frauen, wartet auf ihre Fortsetzung, Verwandlung, Widerlegung.Das eifernde Behaupten von Individualität erweist sich als tragikomischer Irrtum.Und nur Florian zieht eine Konsequenz - Selbstmord im Orchestergraben.Doch auch dieses Ereignis wird nur in den Monologen der anderen verarbeitet - als Tatsache, als Wach- und Alptraum? Hub will das Ungefähre, die Balance zwischen Komik und Ernst, Selbstbehauptung und Zusammenbruch.

Das ist schwer zu spielen.Die Darsteller müssen das Ineinander der "Stimmen", das ziellose Wandern der spitzig-intellektuellen und moralisch entblößenden Botschaften zwischen den Figuren spielen, die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit ihrer Höhenflüge und Abstürze.Ulrich Hub, der sein Stück mit einer Gruppe freier Schauspieler in einer Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater selbst inszenierte, siedelt das Geschehen auf einem Abgrund an, einem von unten beleuchteten Gitterrost an der Stirnseite des Studios (Bühne: Monika Morsbach).Hier streiten, hier proben, hier leben die vier Musikanten, hier ist der Ort ihrer Auseinandersetzungen.Auf den Instrumenten erklingt kein Ton, sie werden nur für mechanische Verrichtungen gebraucht, aber auch als Schutz vor Zudringlichkeit oder als Mittel der Erpressung.Hub gelingt es, im Kommen und Gehen, im Wechsel von Ruhe und Hektik, in der unterschiedlichen Zuordnung der Vier einen bemerkenswert beschwingten Rhythmus herzustellen.Allerdings erspart er den Figuren die Abgründe, die wirklich zerreißenden Widersprüche.Contenance bleibt gewahrt, so gefährdet sie auch sein mag - der Zusammenklang des Quartetts, in der besonderen Musik der Sprache, stellt sich immer wieder neu und reizvoll ein.

Peter Lohmeyer (erste Geige, Robert) setzt auf einen rauhen, deutlich unfrohen Charme, auf die Nähe zu einem boshaft männlichen Gehabe, dem die Sehnsucht nach Harmonie zugrundeliegt.Ingo Naujoks (zweite Geige, Florian) verbeißt sich in trotzige Verschlossenheit, zeigt den Außenseiter, an dem das flotte Wort-Spiel oft vorbeigeht.Nana Krüger (Bratsche, Renate) und Antje Schmidt (Cello, Marion) versuchen sich an Spielarten der Weiblichkeit - mit scheinbar sicherem, sehr bewußtem Liebreiz die eine, mit erotischer Angriffslust und berechneter Widerspenstigkeit die andere.Aber das sind nur Grundmuster, die in viele, oft verwirrende Verwandlungen kommen.Nur wenn sich Lohmeyer als Robert die Hosen hochzieht, sich aufbaut und reckt, um seine Qualitäten als Witze-Erzähler zu beweisen, ist auch einmal deutliche Individualität im Spiel, die sonst, bewußt, dem Irrlichternden in der sich stets anders herstellenden Gleichartigkeit der Personen geopfert wird.

Nächste Vorstellung heute 20.00 Uhr.

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