Kultur : Reemtsma will sich an Experten-Votum halten

KM

Wenige Tage nach der Ankündigung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die umstrittene Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" für mindestens drei Monate nicht öffentlich zu präsentieren und durch eine unabhängige Expertenkommission überprüfen zu lassen, ist eine Diskussion um die Leitung der Ausstellung entbrannt. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin "Focus" hatte der Vorsitzende des Instituts, Jan Philipp Reemtsma, erklärt: "Eine Ausstellung, die in der Überarbeitung ist, hat keinen Leiter. Und zu dem, was sein wird, wenn die Ausstellung wieder gezeigt wird, werde ich jetzt nichts sagen." Die Äußerungen Reemtsmas wurden als Zeichen einer möglichen Entlassung Hannes Heers gewertet, der das wegen anhaltender Kritik zurückgezogene Ausstellungsprojekt seit 1994 leitet. Das Institut widersprach auf Nachfrage dieser Lesart. Heer sei keineswegs entlassen worden, sondern enthalte sich für den Zeitraum der Überarbeitung lediglich seiner leitenden Aufgaben. "Wir können doch nicht ein unabhängiges Gremium mit der Überprüfung beauftragen, aber weiterhin als leitendes Organ auftreten", hieß es.

Reemtsma bekräftigte gegenüber "Focus" seine bereits in der "F.A.Z." geäußerte Ansicht, dass eine Überprüfung der Belege, Fotos und Schriftstücke, die These der Ausstellung nicht angreifen werde. Er räumte ein, Fehler begangen zu haben: "Durch die enorme emotionale Bedeutung der Ausstellung hatten wir eine zusätzliche Sorgfaltspflicht, und wir waren hier und auch an anderer Stelle nicht sorgfältig genug." Der Hamburger Mäzen widersprach jedoch den Argumenten seiner Kritiker, die eine solche Ausstellung überhaupt für undurchführbar halten, und versprach in der "F.A.Z.": "Unsere Ausstellung muss in der Überarbeitung differenzierter werden." Ein Gremium aus Fach-Historikern, dem kein Institutsmitarbeiter angehört, wird sämtliche Dokumente überprüfen und eine Empfehlung aussprechen, wie die Schau neu zu strukturieren sei. Die Ergebnisse werden vom Institut publiziert. Auf die Frage, ob Reemtsma auch akzeptiere, wenn das Ausstellungskonzept insgesamt für untragbar erklärt würde, sagte er: "Es wäre aberwitzig, ein Gremium zu installieren und am Ende dessen Votum zu ignorieren."

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