Kultur : Reformpädagogik und Stacheldraht

FRANK PETER JÄGER

Adolf und August sind eineiige Verbrecherzwillinge.Die Chronik ihrer Jugend scheint zu offenbaren, daß sie eine angeborene kriminelle Neigung eint.Schon mit 17 Jahren kommt August, mit 18 dann Adolf mit dem Gesetz in Konflikt.In immer kürzeren Abständen folgen die Gefängnisaufenthalte aufeinander, als dunkle Streifen sind sie in den Lebensläufen markiert.Bei der Delinquenten-Vita handelt es sich um eins von zwölf Dias aus einer Reihe des Dresdner Hygiene-Museums zum Thema Erbgesundheit.Ganz ohne Einfluß der Nationalsozialisten entsprach die Botschaft der 1934 entstandenen Dia-Serie bereitsden biologistischen Anschauungen der NS-Zeit.

Das Hygiene-Museum hat seine Altlasten aus dem Depot geholt und reihte sie ein in die Schau "Der Neue Mensch - Obsessionen des 20.Jahrhunderts".Ihr Thema ist die Ideengeschichte des zuendegehenden Jahrhunderts, die wie keine Epoche davor von dem Drang bestimmt war, einen neuen, das heißt: perfekteren, vernünftigeren und gesünderen Menschen zu schaffen.Über tausend Objekte wurden zur bisher größten Sonderschau des Hauses zusammengetragen.Größtes Ausstellungsstück aber ist das Hygiene-Museum selbst.Verbunden mit dem Thema "Neuer Mensch" liegt den Ausstellungsmachern die Aufarbeitung der Geschichte des eigenen Hauses am Herzen.

Die Vorgeschichte des "obsessiven" 20.Jahrhunderts beginnt schon ein Jahrhundert davor.Die immer gründlichere Erforschung des Körpers bildet die Voraussetzung für das folgende Perfektionierungswerk der Spezies an sich selbst."Das Archiv" ist diese erste von sechs Ausstellungetappen betitelt.In den Jahren nach 1900 erblüht, genährt vom gesammelten Wissen, ein buntscheckiger Garten von Reformbewegungen und Heilslehren.Lebensreformer, Vegetarier und Reformpädagogen formieren sich.Am Eingang des Gartens steht der "Sonnenanbeter", eine überlebensgroße Bronzeskulptur des Dresdner Künstlers Sascha Schneider.Daneben Gartenstadt-Pläne ebenso wie eine Wandervogel-Klampfe und eine Trommel aus dem Tanzunterricht von Gret Palucca.Kaum etwas spiegelt die Ambivalenz der Moderne deutlicher als die wechselvolle Geschichte des Motivs vom "Neuen Menschen".

Stacheldrahtgesäumte Umerziehungslager und Montessori-Spielzeug liegen nur zwei Räume voneinander entfernt.Aus heutiger Perspektive ist kaum noch zurückzuverfolgen, wann aus Emanzipation Selektion wurde.Die Ausstellung deutet die Phasen dieser Radikalisierung zumindest an: Zwischen der Aufbruchstimmung der Jahrhundertwende und dem Endpunkt vom Wahn des Neuen Menschen in Konzentrationslagern und Gulags liegt die "Fabrik".DieserSaal, gewidmet den Bestrebungen der "Menschenökonomie", ist vielleicht der erhellenste Teil der Ausstellung.

Die Physiologie von Körper und Geist waren nach 1920 bestens erforscht; nun sann man auf Perfektionierung.Eifrig werden Reaktionsfähigkeit, Gedächtnis und Fingerfertigkeit gemessen und konditioniert; die Sinne werden gedrillt - höher, weiter, schneller.Auf einer Abfolge sich drehender Scheiben finden sich neben dem ausgestopften Pawlowschen Hund auch Motorblock und Zylinder des Ford "Model T", des ersten am Fließband produzierten Automobils.Wer diese Stücke näher studieren möchte, muß neben der rotierenden Scheibe mitlaufen - wie die Ford-Arbeiter, wenn sie nicht mit dem Tempo des Fließbands Schritt halten konnten.Ein paar Meter weiter läßt sich in einer Vitrine ein Ameisenstaat beim Bau der kollektiven Wohnpyramide bestaunen."Was können wir tun, um ameisenähnlicher zu werden und zugleich Menschen zu bleiben", fragte der Schweizer Hirnforscher August Forel in seinem 1922 erschienenen Buch "Mensch und Ameise".

Der Unterordnung des Individuums in die Logik straff organisierter Produktionsprozesse folgt das Disziplinieren und "Verwerten" von Menschen durch Arbeit im System der Lager, zuletzt das industrialisierte Töten.Doch Fabrik und Lager verbindet nicht ihr industrieller Charakter, sondern die Ratio des Ingenieurs, der nicht mehr unterscheidet zwischen technisch Machbarem und seinem Handeln.Das Synomym "Lager" steht in der Ausstellung aber auch für die Orte der "positiven" Selektion: trutzige Napola-Schulungsburgen und Mutterborn-Heime, in denen Himmler SS-Männer mit blauäugigen Frauen zusammenführte, um die adelige Rasse heranzuzüchten.

Nach Auschwitz von Grund auf diskreditiert, endet in der westlichen politischen Hemisphäre die Jahrhundert-Utopie vom Neuen Menschen als umfassendes gesellschaftliches Projekt schon 1945.In der kommunistischen Welt wird dieses Leitbild erst 1989 endgültig obsolet.Doch die Wahnvorstellung vom Neuen Menschen ist keineswegs überwunden.Am Ende der Ausstellung sieht sich der Betrachter einer großen elektronischen Laufschrift gegenüber.Über die Tafel laufen von links nach rechts die aktuellen Meldungen einer Nachrichtenagentur.Flüchtlingszahlen und die Namen albanischer Grenzorte sind zu lesen.Die im Kosovo verfolgte Strategie von ethnischer Säuberung und Vertreibung ist das jüngste Beispiel eines ins unmenschliche gewendeten Ordnungsmusters im Geist des Neuen Menschen.

Die Ausstellung aber gibt dieser "Jahrhundert-Obsession" einen offenen Ausgang; an ihrem Ende steht friedliches Innehalten.Die Leiste mit den laufenden Weltnachrichten gehört zu einer Installation des Amerikaners Bill Viola.Sie wird von einem engen Durchgang unterbrochen, der in den zweiten Teil von Violas Arbeit führt, ins Reich des Schlafs.An die Wände der quadratischen, halbdunklen Kammer sind die Aufnahmen von drei schlafenden Menschen projiziert, gleichmäßig geht ihr Atem.Tröstlicher könnte die Reise durch ein Jahrhundert voller Selbstbezwingung, Wege und Irrwege, Ideologien und Obsessionen nicht enden.Ist es doch der Schlaf, der dem Menschen die einzige sichere Zuflucht vor seiner eigenen Rationalität bietet.

Hygiene-Museum, Dresden, bis 8.August;Katalog (Cantz Verlag) 39 Mark, im Buchhandel 78 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben