• "Regeln für den Menschenpark" basiert auf einer Vortragsreihe, die schon vor zwei Jahren gehalten wurde

Kultur : "Regeln für den Menschenpark" basiert auf einer Vortragsreihe, die schon vor zwei Jahren gehalten wurde

Peter von Becker

Die Geschichte spiele ein theatralisches Doppelspiel, meinte Marx, weshalb sich historische Ereignisse gerne ein zweites Mal ereignen: zuerst als Tragödie und später als Farce. Auch ohne die große Weltgeschichte zu bemühen, fühlen wir uns an diesen Satz erinnert, wenn wir jetzt ein Buch des in Deutschland wenig bekannten Verlages Schwabe & Co. aus Basel aufschlagen. Unter dem Obertitel "Kultur und Menschlichkeit" sichtet es "Neue Wege des Humanismus", und der Herausgeber Frank Geerk versammelt darin Texte von Imre Kertész bis Annemarie Schimmel, von Joachim Gauck bis zum Komponisten Wolfgang Rihm. Auf Seite 273 steht dann ein Essay von Peter Sloterdijk: "Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortbrief über den Humanismus". Wir reiben uns die Augen.

Das Buch ist soeben in der Schweiz erschienen. Es basiert auf einer Vortragsreihe, die vor zwei Jahren im Basler Theater stattfand, und dort ist am am 15. Juni 1997 Peter Sloterdijk vor etwa 400 Zuhörern aufgetreten: in einer Sonntagsmatinee, mit Gedanken über Heideggers Hirten-Bild und Nietzsches Züchtungsvorstellungen, über die menschliche "Selektion", über die bestialische Massenkultur und die ethischen Herausforderungen durch die Gen-Technologie, durch die "Anthropotechniken". Was im Juni 1997 in Basel vorgetragen und anschließend kurz und offenbar unkontrovers diskutiert wurde, ist, von winzigen, kaum mehr als Silben und nie den Sinn betreffenden Stilkorrekturen, identisch mit der seit knapp drei Monaten skandalisierten Sloterdijk-Rede im bayerischen Schloß Elmau.

Man muss sich das vorstellen: Da rufen Autoren der "Zeit", des "Spiegels" und der "SZ" zum Kreuzzug auf wider einen Philosophen, der in Elmau in "faschistoider" Weise für gen-manipulative Menschenzüchtungen und eine neue, philosophisch gebildeteHerrenklasse plädiert habe. Auf öffentlichen Druck hin stellen Sloterdijk und der Suhrkamp Verlag den Text erst ins Internet, dann druckt ihn die "Zeit" mit riesiger Medien-Begleitung am 16. September in voller Länge über mehr als vier Zeitungsseiten ab. Zuvor hatte sich Sloterdijk in offenen Briefen gegen Denunziationen ohne Textkenntnis gewandt und Jürgen Habermas publizistische Intrigen auf Grund von "Raubkopien" vorgeworfen.

Warum sich niemand aus der Schweiz, wo zum Beispiel die "Basler Zeitung" über Sloterdijks Auftritt 1997 berichtete, je zu Wort gemeldet hat, ist ein Rätsel. Und Sloterdijk selbst? "Ich habe bei mehreren Gelegenheiten erwähnt, dass es den Text schon gab", sagte er gestern auf unsere Anfrage. Diese Gelegenheiten können jedoch nicht seine Zeitungsinterviews (das erste im Tagesspiegel, am 19. 9.) und andere öffentlichkeitswirksame Äußerungen gewesen sein. Sloterdijk: "Die Rede in Basel war die letzte, nach zwölf anderen Veranstaltungen. Ich wollte keine bloße Wiederholung, das erklärt manche Zuspitzung. Aber später, nach dem gemachten Skandal um Elmau, hatte niemand mehr Interesse an de-eskalierenden Informationen."

Niemand wird nun Peter Sloterdijk unterstellen, dass er sich im "Spiegel" oder in der "Zeit" gerne als Geistesfaschist hatte darstellen lassen. Aber die Situation zu entschärfen mit dem Hinweis, dass die dunkel umwitterte Elmauer Rede (vor Fachkollegen) eine längst öffentlich gehaltene Basler Rede war, hätte wohl auch den Sensationswert verbaselt und damit den publizistischen Marktpreis gemindert. Dieser Tage werden Sloterdijks "Regeln für den Menschenpark" nun auch als eigenes Suhrkamp-Bändchen vorliegen, und im Nachwort verweist der Autor mit einigem Stolz darauf, dass die Internetadresse mit dem Redetext "60.000mal abgefragt" wurde (www.rightleft.net) . Hierbei spricht er nun auch von seiner "Basler-Elmauer" Rede. Nietzsches Basel.

Sloterdijks kurzes Nachwort benennt gleich zu Beginn "das prekäre Privileg", mit seiner Rede "als Ausgangspunkt einer erregten Debatte" gedient zu haben; der Autor bekennt sich zur allgemeinen "Schriftstellerschwäche, sich beim Schreiben nicht an den gewohnheitsmäßigen oder gewerbsmäßigen Mißverstehern zu orientieren" und geißelt den "Einbruch des Boulevards ins Feuilleton". Gleichwohl scheut Sloterdijk nicht eine weitere Matinee im Theater, die diesmal auch dem Feuilleton nicht verborgen bleiben dürfte: Am 14. November diskutiert er in der Wiener Burg mit Oskar Lafontaine. P.S. zum Tagesspiegel: "Ich hoffe, es wird mehr daraus als die Kuriosität zweier skandalgeprüfter Gestalten."

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