Kultur : Regelrecht heppy

Georges Perecs verwegener Roman „Dee Weedergenger“

Thomas Schaefer

Erfunden hat er das Lipogramm nicht. Das Verfahren, Texte unter Ausschluss bestimmter Buchstaben zu verfassen, reicht bis in die Spätantike zurück. Aber perfektioniert hat Georges Perec diesen poetischen Prozess durchaus. Perec (1936 – 1982) war Ende der Sechziger der virtuoseste Kopf der sprachexperimentellen Gruppe um Raymond Queneau. 1969 veröffentlichte er „La Disparation“, das vom kongenialen Perec-Übersetzer Eugen Helmlé unter dem Titel „Anton Voyls Fortgang“ ins Deutsche übertragen wurde: ein Roman, in dem der Vokal „e“ nicht vorkommt. Der derart diskriminierte Buchstabe verlangte Rehabilitierung: „Les Revenentes“ lässt konsequent nur das „e“ zu. Der Roman erschien 1972 und liegt nun unter dem Titel „Dee Weedergenger“ endlich auf Deutsch vor. Nach Helmlés Tod im Jahr 2000 hat Perec in Peter Ronge einen neuen, hervorragenden „Ybersetzer“ und Herausgeber gefunden.

Übersetzung? Eher handelt es sich um heroische Übertragungsarbeit. Die von den Sprachexperimentierern aufgestellten Spielregeln erlauben hilfreiche Abweichungen: „Qu wird zu Q“, das Y ist zugelassen, generell wird die Toleranzgrenze gedehnt. Das Resultat ist ein Sound irgendwo zwischen Jiddisch, Plattdeutsch und Fantasie-Idiomen: „Regelrecht heppy wehr´ch, wenn deeser Text dee Prehzedentjen geklehrt hette!“

Aberwitzig ist die Herausforderung an den Übersetzer, sich auf die penible Einhaltung der Regeln zu konzentrieren und zugleich eine Geschichte zu erzählen: Der Protagonist Clément erfährt, dass die schöne Bérengère de Bremen-Brévent sich beim Bischof von Exeter eingeschmeichelt hat. Bei Gelegenheit einer Sexorgie will sie den geistlichen Herrn seiner irdischen Schätze berauben. Als sich eine Verbrecherbande mit ähnlichem Ansinnen dorthin begibt, beginnt eine Sex&Crime-Burleske, deren pornografische und triviale Handlung durch die Lipogramm-Technik ironisiert wird. Dabei travestiert Perec nicht nur gängige Trivialgenres, sondern parodiert literarische Vorbilder wie die „Drei Musketiere“ und vor allem De Sades „Histoire de Juliette“. „Verse, dee ejnzig e-Lettern verwenden, schejnen energische Fyrsprecher ze kennen“, scherzt der Bischof von Exeter. Ihm wird das Lachen vergehen; der Leserschaft indes nicht.

Georges Perec: Dee Weedergenger. Aus dem Französischen und mit einem Nachwort versehen von Peter Ronge. Verlag Helmut Lang. Münster 2003. 144 S., 16,50 €

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