REGGAEOhrbooten : Kaffeetrinken in Babylon

Jörg W,er

Die Erfolgsgeschichte der Ohrbooten ist eins dieser kleinen Popmärchen, die sich gar nicht so selten in Berlin abspielen. Im Affentempo haben sich Matze, Ben, Onkel und Noodt ins aufstrebende Mittelfeld der ersten Berliner Popliga gespielt. Dabei ist es gerade ein paar Jahre her, dass ein quirliges Quartett sonntags die Flohmarktflaneure am Boxhagener Platz mit selbst gedrechseltem Politreggae aufmischte. Der kapitalismuskritische Impetus kam beim linken Szenepublikum gut an, die standfesten Live-Qualitäten sprachen sich schnell rum, die erste CD verkaufte sich prima.

Das Geheimnis der Ohrbooten liegt womöglich in ihrer demonstrativen Volkstümlichkeit: Im Gegensatz etwa zu Seeed, die mittels behutsamer Verschmelzung verschiedenster Stilelemente eine neue Reggae-Evolutionsstufe erreichen, schreddern die Ohrbooten einfach alles, was ihnen in die Hände fällt, zum denkbar reinheitsfernen Bastardpop zusammen. Dabei laufen manche Ideen auf dem zweiten Album „Babylon bei Boot“ aus dem Ruder: Die NDW-Paraphrase „Man lebt nur einmal“ wirkt wie schlecht bei Ideal geklaut, der Turbo-Balkanbeat von „Kaufrausch“ fällt nicht nur textlich hinter Wir Sind Heldens „Guten Tag“ zurück. Reggaetechnisch stinken sie auch gegen Lokalmatador P. R. Kantate etwas ab. Am überzeugendsten sind die Ohrbooten bei hübsch chaotischen Songs wie dem Pogolectro „Alle gegen alle“ oder der Beschleunigungsorgie „Kaffee“. Und im abschließenden Fake-Doowop „Meerchen“ wird hemmungslos berlinernd der alte, schon von Tucholsky imaginierte Traum vom Spreeathen am Meeresstrand besungen. Det lassen wa uns jefallen. Jörg Wunder

Columbiahalle, Fr 21.12., 20 Uhr, 16 € + VVK

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