Kultur : Regie, bitte!

Ödön von Horváths „Zur schönen Aussicht“ am Schauspielhaus Hamburg

Katrin Ullmann

Donnergrollen und Psychomusik, später Lou Reed und Kaiserwalzer: Das ist er, der Sound des Untergangs und der Apokalypse. Der Sound, wenn Martin Kufej Ödön von Horváth inszeniert. „Zur schönen Aussicht“ heißt der Gasthof, der dem Stück von 1926 Handlungsort und Namen gibt. Horváths „schöne Aussicht“ liegt irgendwo fernab im Gebirge, ist ein halb verfallener Ort. Kufejs Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus spielt in einem gelb verrauchten Plattenbauhotel, voll Wasserflecken und flatternder Plastikreste. Annette Murschetzs Bühnenraum ist unmöbliert, rote Filzteppichlagen garantieren Ekel statt Gemütlichkeit, ein ovaler Ausschnitt in der Decke führt ins Nirgendwo. Es ist ein Unort, ein Hotel zwar, doch nicht zum Verweilen.

Hier vertreiben, versaufen und vergällen sich Hoteldirektor Strasser (August Diehl), der ehemalige Kellner Max (Bernd Moss) und der grobschlächtige Chauffeur Karl (Achim Buch) die Zeit. Konkurrenten sind sie um die Gunst des einzigen Gastes, der Principessa Ada (Ute Hannig). Diese abgehalfterte Lady samt Plastikbein ist die Königin der Runde. Sie zahlt alles und jeden.

Ist einer an ihr dran, tun die restlichen Jungs das, was Jungs eben gerne tun: Sie bewerfen sich träge mit Spitzfindigkeiten, tragen mittelschwere (Verbal-) Kämpfe aus, stecken und pissen ihre Reviere ab. Zwischendurch grollt, gewittert, rumpelt, jauchzt, kreischt, und blitzt es – mehr oder weniger hintergründig. Ein paar Donnergrollen später sind ein gewisser Müller, der klassische Vertretertyp (Klaus Rodewald), und Adas Bruder, der spielbankrotte Emanuel Freiherr von Stetten (Samuel Weiss), mit von der Partie. Es sind verkrachte Existenzen allesamt, fünf Männer ohne Aussicht. Ihre Dialoge verlieren sich in Andeutungen. Mal folgt ein Tritt ins Gesicht, mal wird mit Feuerwaffen gefuchtelt. Der Rest verebbt im nächsten Wolkenbruch.

Aus einem dieser Unwetter tritt ein blasses Ding herein, im grünen Sommerkleid (Kostüme: Heide Kastler), höchst erbärmlich und durchnässt. Christine heißt das Mädchen – Lavinia Wilson spielt sie so zart wie stark –, sie ist ein Gast mit Folgen aus dem vergangenen Jahr. Zu Strasser will sie, dem Erzeuger ihres Kindes, der Liebe ihres Lebens noch dazu. Heiraten will sie ihn. Bei ihm wohnen im Hotel. Der jedoch fühlt sich fern der Vaterpflicht, noch ferner gar von Liebe und Gefühl. „Weib. Kind. Pleite“, kommentiert er trocken, das ist nichts für ihn, und steckt sich eine ins Gesicht.

Um Strasser vor der Bürgerlichkeit zu retten, verschwören sie sich nun allesamt. Aus Altherrenwitzen und abgelegten Frauengeschichten, aus kleinen Mäuschen von damals und glorreichen Eroberungen mixen sie eine miese Geschichte: Alle rühme sich wilden Verkehrs mit Christine im vergangenen Jahr, und sie sei nichts als eine kleine, schäbige Nutte. Dieser vergeht ihr fröhliches Lachen, hin und her geschubst, bedrängt, bespuckt, begrapscht und bedroht, liegt sie bald nur mehr leblos rum.

Ein bisschen Folter hier, ein wenig Vergewaltigung dort. Kufej baut Verweise in die kriegerische Gegenwart ein, allerdings so wahl- und ziellos, dass sie weder schrecken noch berühren. „Wir müssen keine Kriegsbilder der Vergangenheit verarbeiten, sondern heutige, solche, die immer in uns sind“, gab er vorab zu verstehen und auch, dass er das Zwischenkriegsstück „im Jetzt, in dieser permanenten Nachkriegszeit“ spielen lasse. Ein interessanter Gedanke, doch sicht-, erleb- oder fühlbar ist auf der Bühne davon rein gar nichts. Statt zeitkritischer Provokation liefert Kufej lahme Variationen zum Thema „Männer sind Schweine“. Die Schauspieler tun dazu, was sie können, richtig überzeugend ist keiner von ihnen. Zu klischeehaft sind ihre Aktionen, zu plump ihre Erregung, zu ungefährlich ihre Kampfeslust.

Als Christine behauptet, ein Vermögen geerbt zu haben, wird der Reigen um Macht und materielle Sehnsüchte gleichsam fortgesetzt. Da macht sich Hoffnung breit, wird die eben noch schäbige Hure zum Objekt der Begierde. Dieser Sinneswandel ist weder neu noch aufregend, weder abendfüllend noch überraschend. Das Spiel der fünf Jungs gleicht einer infantilen Sandkastenschlacht: Der eine wird laut, der andere zärtlich, der dritte herrisch, der vierte nervös und der fünfte ödipal. Christine schließlich reist ab. Zurück bleibt der Koffer voll Geld. Das flattert wertfrei durch die Luft. Das Geld ohne das Mädchen will keiner von ihnen. Eine romantische Aussicht. Doch die Regie, was wollte eigentlich die?

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