• Regie-Debüt "Office Killer": Leichen pflastern ihren Keller - Gut gruselig, aber ein bisschen lang geraten

Kultur : Regie-Debüt "Office Killer": Leichen pflastern ihren Keller - Gut gruselig, aber ein bisschen lang geraten

Frank Noack

Zu den Konventionen des Horrorfilms gehört, dass ein Monster zunächst nur in extrem kurzen Einstellungen zu sehen ist, so als wolle uns der Regisseur den vollen Anblick der Kreatur ersparen. Obwohl es sich bei der kleinen Angestellten Dorine (Carol Kane) um kein Monster, sondern nur um eine graue Maus handelt, wird auch sie in bewährter Horror-Tradition eingeführt. Während sie an ihrem Redaktionstisch sitzt, huscht die Kamera ängstlich an ihr vorbei. Noch wissen wir nicht, was diese Frau tun wird. Nur dies: Sie ist eine Außenseiterin.

Das ist ein guter Einfall von vielen, mit denen die New Yorker Fotografin Cindy Sherman in ihrem Regie-Debüt aufwartet. Diese Ästhetin des Morbiden beschreitet mit "Office Killer" einen ungewöhnlichen Weg im Horrorfilm - unter den neueren Produktionen nur mit "Blair Witch Project" vergleichbar. Schlicht in der Wahl der Mittel, kommt sie ohne High-Tech aus, ohne spektakuläre Kamerafahrten und pulsierende Musik. Zu ihren Vorbildern unter den Horror-Experten zählt sie, kaum verständlich, Dario Argento, den Regisseur blutrünstiger, sexistischer Hochglanz-Thriller. Dabei weckt der konsequent düstere, glanzlose "Office Killer" eher Assoziationen an die frühen Arbeiten von George A. Romero und Tobe Hooper. Und das Thema der Verwesung, das die Handlung zunehmend dominiert, rückt sie in die Nähe von Jörg Buttgereit.

Das Manko von "Office Killer" besteht in seiner Monotonie. Die Redaktion der Verbraucherzeitschrift "Constant Consumer", für die Dorine arbeitet, sieht so armselig aus, dass man sich die gedruckten Ausgaben des Blattes gar nicht vorstellen möchte. Dorines Computer brummt ständig, als sei er kurz vorm Explodieren. In der Rolle der Chefredakteurin Virginia gibt Barbara Sukowa eine herrliche Karikatur ab: Sie trägt ein knappes braunes Lederkostüm und angeklebte Fingernägel, die es ihr unmöglich machen, eine Tastatur zu bedienen.

So wie ihre Kleidung ist der ganze Film von Braun- und Gelbtönen gekennzeichnet. Das Gefühl von Morbidität wird durch die Besetzung verstärkt, die aus Ex- und Beinahe-Stars besteht: Molly Ringwald, das Teenie-Idol der achtziger Jahre, und Jeanne Tripplehorn, die einzige anständige Frau aus "Basic Instinct", verkörpern hübsche Redakteurinnen, deren bloße Anwesenheit auf Dorine demütigend wirkt.

Irgendwann landen alle Kollegen in Dorines Keller. Denn nachdem sie den schmierigen Chefreporter versehentlich getötet hat, kommt die verhuschte kleine Frau auf den Geschmack. Serienmörderin wird sie auch, um neue Freunde zu gewinnen. Die Leichen sitzen brav auf ihrem Sofa; niemand widerspricht ihr. Wenn die verwesenden Körper aufplatzen, behilft sich Dorine mit Klebeband. Und die Artikel der ermordeten Kollegen schreibt sie selbst zu Ende.

Ist "Office Killer" nur ein Spiel mit dem Genre, oder will uns Cindy Sherman darüber hinaus noch etwas sagen? Hier und da lässt sich eine Botschaft erahnen. Dass die Redaktion ein Verbrauchermagazin herstellt, könnte als Kritik an der Konsumgesellschaft verstanden werden, und ein ansonsten netter Kollege wird von Dorine hinterrücks erschlagen, während er ein Pornoheft durchblättert. Dorine wurde, wie wir aus einer Rückblende erfahren, von ihrem Vater missbraucht. (Aber warum tötet sie dann auch Frauen und Kinder?) "Office Killer" ist ein origineller, stellenweise richtig gruseliger Film. Aber mit 83 Minuten Laufzeit ist die Regisseurin überfordert. Shermans eigentliches Metier bleibt die Fotografie.

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