Kultur : Regierungswechsel in USA: Kleines Lob der Heuchelei

Andrei S. Markovits

Letzten Montag, am Martin-Luther-King-Day, kam ich abends von einer Gedenkfeier zu Ehren von Dr. King zurück nach Hause. Einige Tausend Studenten, Universitätsangestellte und Leute aus der Stadt waren in die Universität von Michigan geströmt, um eine ebenso bewegende wie intellektuell herausfordernde Veranstaltung zu erleben. Zu Hause schaltete ich den Fernseher an - und sah George W. Bush, der irgendwo in Houston eine Festrede für Dr. King hielt. Sein Publikum waren vor allem junge Afro-Amerikanern, die meisten von ihnen Kinder. George W. Bush fühlte sich offensichtlich unwohl: Seine Körpersprache verriet Scheu, das Lächeln Nervosität, sogar eine gewisse Unterwürfigkeit - es war überdeutlich, dass dies nicht George W. Bushs Milieu war. Mich überkam ein gewisser Ärger, weil dieser Auftritt so künstlich, so gewollt, unaufrichtig und gezwungen wirkte. Denn George W. Bush wäre offensichtlich überall lieber gewesen als da, wo er sich gerade befand.

Als sich Bush einmal unwohl fühlte

Der Anblick von Bush erinnert mich an ein Gefühl, das ich von Besuchen in Deutschland und Österreich kenne (und das sich für den Rest meines Lebens nicht ändern wird). Bush ähnelte jenen deutschen und österreichischen Politikern (um nicht zu sagen, allen Deutschen und Österreichern, außer engen Freunden, denen ich vertraue), die am 9. November oder am 27. Januar, wenn man gezwungenermaßen zu gedenken hat, scheinheilige Reden halten. Da ist viel von dem schrecklichen Verlust die Rede, den die deutsche Kultur durch den Untergang der (vollkommen einseitigen) deutsch-jüdischen Symbiose erlitten hat. Dazu setzt man sich eine Kipa auf den Kopf. Was für ein Witz!

In meinem tiefsten Inneren habe ich nie geglaubt, dass der Antisemitismus wirklich verschwunden ist. Und das wird auch so bleiben - genauso wie manche meiner afro-amerikanischen Freunde (und zwar die ehrlichen) sagen, dass sie tief in ihrem Herzen immer überzeugt sein werden, dass die Weißen ihren Rassismus nie endgültig ablegen.

Allerdings ist mir klar, dass dieses Gefühl und eine erfolgreiche, liberale Demokratie nicht viel miteinander zu tun haben. Ja, mehr noch: Exakt das, was mich so stört, ist wesentlich für die Entwicklung und den Fortschritt einer zivilen Gesellschaft. Denn wirklich wichtig für das Fortkommen der liberalen Demokratie ist gerade die gekünstelte, die nicht-authentische Rede. Wichtig ist das erzwungene Treffen, die obligatorische Feier am Martin-Luther-King-Day in den USA und am 9. November in Deutschland. Denn so werden Leuten verpflichtet, Menschen ihre Ehre zu erweisen, mit deren Milieu sie nichts am Hut haben. Diese Leute tun das, weil es die herrschende öffentliche Meinung von ihnen verlangt. Und die öffentliche Meinung spiegelt die politischen Machtverhältnisse.

Wozu "political correctness" gut ist

George W. Bush würde viel lieber mit seinen texanischen Kumpels auf seiner Ranch in Crawford herumhängen und über Sport und Öl-Geschäfte quatschen, als vor irgendwelchen Ghetto-Kids Martin Luther Kings Kampf zu würdigen. Aber Bushs private Vorlieben zählen nicht. Im heutigen Amerika gehört es einfach dazu, dass, wer ein öffentliches Amt bekleidet, Martin Luther King und seinem Erbe Respekt zollt.

Um die Parallele zu Deutschland zu Ende zu führen: Wenn deutsche Politiker - egal, welcher Partei sie angehören - Juden oder jüdischen Belangen ihre Aufwartung machen, bin ich stets misstrauisch. Trotzdem haben diese Gesten aus einem einfachen Grund meine höchste Anerkennung: Sie zeigen eindeutig, dass sich die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik gewandelt hat. Sie beweisen, dass in 50 Jahren Bonner Republik, in bitteren Kämpfen und fortwährenden politischen Auseinandersetzungen, solche Gedenkfeiern, Besuche und Reden unabdingbar geworden sind.

Auch der Martin-Luther-King-Day in den USA fiel nicht vom Himmel. Er ist das Ergebnis eines blutigen Kampfes, den Farbige und ihre wenigen weißen Verbündeten gewonnen haben. Die weiße Mehrheit hat ihnen diesen Tag nicht geschenkt. Es dauerte Jahre, ehe daraus ein US-amerikanischer Feiertag wurde; noch vor wenigen Jahren gab es einige Bundesstaaten, die sich weigerten, ihn anzuerkennen.

Gleiches gilt für Deutschland. Die allgemein bekundete Reue angesichts des Holocaust war kein notwendiges, automatisches Ergebnis der totalen Niederlage von 1945. Dieses Ritual ist auch das Ergebnis langwieriger, mühsamer politischer Kämpfe. Und in beiden Fällen handelt es sich um große demokratische Errungenschaften: Sie gewähren diskriminierten, benachteiligten und misshandelten Minderheiten (Schwarzen in den USA, Juden in Deutschland) einen Funken Respekt in der heutigen Welt. Das Unrecht, das in der Vergangenheit begangen wurde, können sie niemals ungeschehen machen. Doch sie können eine öffentliche Debatte befördern, deren Ton entschiedene Distanz zur Vergangenheit markiert.

In liberalen Demokratien geht es um die Öffentlichkeit, um den Diskurs, weniger um persönliche Einstellungen. Doch wenn im Zuge öffentlicher Diskussionen sich auch private Haltungen wandeln - umso besser. So wurde Bill Clinton von Afro-Amerikanern heftig dafür geliebt, weil er der erste Präsident war, der auf natürliche Weise "schwarz handelte". Seine persönliche Sekretärin war schwarz, sein bester Freund war schwarz. Clinton zeigte der afro-amerikanischen Gemeinschaft, dass er ihre Kultur kannte, schätzte und sich mit ihr identifizierte. Das war wunderbar - doch wesentlich für die Debatte um Chancengleichheit in der US-Politik war es nicht. Viel wichtiger war, dass Clinton mehr Schwarze als Richter an die Bundesgerichtshöfe berufen hat als alle Präsidenten zuvor. Und dass er sich durch sein unnachgiebiges Engagement für affirmative action und Quoten für die weitere Demokratisierung der Republik einsetzte.

Die herrschende öffentliche Meinung ist alles andere als statisch. Sie ist ein stets umkämpftes Territorium, deshalb gibt es auch keine Garantie, dass demokratische Errungenschaften je endgültig sind. Ganz im Gegenteil. In Amerika und Deutschland gibt es starke Strömungen, die jenen Werten ihren Raum in der öffentlichen Debatte streitig machen. Auch das offizielle Gedenken an den Holocaust muss kein unangefochtener Besitzstand der Berliner Republik bleiben - einfach weil es Gegenstand ständiger politischer Kämpfe ist.

Deshalb war ich immer ein eingefleischter Verteidiger jener Haltung, die Konservative auf beiden Seiten des Atlantiks spöttisch political correctness nennen. Welche Funktion dieses Etikett hat, ist offenkundig. Es ist eine Formel, um jene Ideen und Werte zu bekämpfen, die zumindest zum Teil und zeitweise Oberwasser haben. Würden die Konservativen auch ihre eigenen Ansichten "politisch korrekt" nennen, wenn diese mal die öffentliche Meinung dominierten? Natürlich nicht. Dann würden ihre Ansichten als "Wahrheit" oder "Tatsache" firmieren.

Selbst offenkundig opportunistische Lippenbekenntnisse sind ein Zeichen für den Stand der politischen Kämpfe - und dafür, wer die kulturelle Hegemonie definiert. Sonst gäbe es diese formelhaften Bekenntnisse nicht. Ohne den unermüdlichen Kampf der Frauen- und der Bürgerrechtsbewegungen gäbe es heute keine Frauen oder Afro-Amerikaner als Quoten-Vorstandsvorsitzende, Universitätspräsidenten oder Minister. Dies gilt ebenso für die Demokraten wie für die Republikaner, für das Kabinett von Clinton ebenso wie für das von Bush - auch wenn einige bezeichnende Unterschiede existieren. Clinton machte in seinem Kabinett Zugeständnisse an die Erwartungen seiner Wähler. Dass Clinton die Bereiche Gesundheit, Justiz und Umweltschutz Frauen anvertraute, war mehr als ein bloßes Zugeständnis an die Öffentlichkeit, die Frauen in einer Regierung erwartet. Denn diese Frauen vertraten auch die Politik, die Clinton in diesen Bereichen umsetzen wollte.

Ich würde diese Art von Zugeständnis "substanziell" nennen. Das heißt nicht, dass Clinton nicht auch Zugeständnisse nur zur Zierde machte, die ich "formell" nennen würde. Er berief manche Minister auch aus "formellen" Gründen, das heißt, nur wegen der Quote. Und natürlich holte er auch Minister, mit denen er, unabhängig von Quoten, einfach gut konnte: Deshalb wurde Madeleine Albright Außenministerin, Robert Reich, sein Mitbewohner aus Oxford, Arbeitsminister und sein Freund Ron Brown zum Handelsminister der Clinton-Regierung.

Die Zusammensetzung der Clinton-Regierung war eine Mischung aus "substanziellen" und "formellen" Zugeständnissen und persönlichen Neigungen. Bushs Kabinett ist eine Mischung aus den letzten beiden Elementen, also ohne "substanzielle" Zugeständnisse. Einen scharfsinnigen Kommentator erinnerte Bushs Kabinett an einen amerikanischen Großkonzern mit einem guten Programm gegen die Diskriminierung von Minderheiten. Anders gesagt: Es hätte viel schlimmer kommen können. Doch es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen Bushs und Clintons Kabinett: Bushs Kabinett ist multiethnisch - aber nicht, weil Minderheiten das Gefühl haben sollen, "ihre" Minister würden dort ihre Interessen vertreten. Das Bush-Kabinett ist multiethnisch, weil das Mehrheits-Amerika, das weiße Amerika, das erwartet. Denn im 21. Jahrhundert kann sich kein Präsident ohne Schwierigkeiten ein "weißeres" Kabinett leisten. Dass sich in Bushs Kabinett relativ viele Farbige und Frauen finden, ist auch kein Beweis, wie aufgeklärt Bush ist - es zeigt vielmehr den Stand des öffentlichen Bewusstseins in den USA.

Die beiden prominentesten Schwarzen im Kabinett sind die Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und der Außenminister Colin Powell. Der Umstand, dass sie schwarz sind, ist nebensächlich. Und das zeigt zweierlei.

Erstens: Die USA sind ein Land geworden, in dem Afro-Amerikaner an die Schalthebel der Macht kommen können, ohne dass sich die weiße Mehrheit darüber im geringsten aufregt. Das ist verblüffend, wenn wir uns daran erinnern, dass noch vor kaum 40 Jahren der Rassismus in weiten Teilen der USA die öffentlichen Meinung prägte (von privaten Ansichten ganz zu schweigen).

Und trotzdem ist die Kategorie "Rasse" in den USA nach wie vor das wichtigste und auch brisanteste Kriterium, an dem sich politische Identitäten kristallisieren. Deshalb spielen Colin Powell und Condoleezza Rice eben doch die Rolle von Quoten-Ministern - egal, wie "weiß" sie sich verhalten.

Zweitens: Die Berufung von Rice und Powell ist kein "substanzielles" Zugeständnis, sondern ein "formelles". Auch wenn Schwarze in Amerika als Individuen zu Recht stolz auf die phänomenalen Karrieren der beiden sind - die afro-amerikanische Gemeinschaft hat nichts davon, dass nun Farbige ins Zentrum der Macht rücken. Denn weder Rice noch Powell haben je den Eindruck erweckt, die kollektiven Interessen der schwarzen community vertreten zu wollen. George W. Bush hat beide ins Kabinett geholt, weil sie fachlich kompetent sind und weil er gerne mit ihnen zusammenarbeitet. Dass sie auch noch schwarz sind - um so besser.

Wie Juden Teil der Mehrheit wurden

Das Gleiche gilt für die Frauen und die hispanics in Bushs Kabinett. Auch diese Minister(Innen) sind einzig und allein wegen ihrer Kompetenz berufen worden. Das ist zweifellos gut so - doch die Kehrseite der Medaille ist, dass Frauen und hispanics als Kollektive damit keineswegs über eine Stimme im Kabinett verfügen, die ihre Gruppeninteressen wahrnimmt.

Bushs Kabinett besteht im Kern aus Geschäftsleuten aus der Energiewirtschaft. Dass John Ashcroft für Justiz und Tommy Thompson für Gesundheit zuständig sein werden, ist eine sehr deutliche Geste in Richtung der christlichen Rechten. Interessanterweise gibt es in Bushs Kabinett, abgesehen von dem Handelsbeauftragten Robert Zoellick, keine Juden (ein krasser Gegensatz zur Clinton-Regierung). Das hat nichts mit der bekannten Abneigung einiger Vertrauter der Familie Bush, etwa von James Baker, gegen Juden zu tun. Dass Bush meint, keine Juden in seine Kabinett holen zu müssen, zeigt etwas anderes: Die Juden - die nur zwei Prozent der US-Bürger ausmachen - sind in den letzten 20 Jahren Teil der Mehrheitskultur geworden. Deshalb zählen Juden auch nicht, wie viele Juden im Kabinett sitzen - Männer zählen ja auch nicht, wie viele Männer Minister sind, Weiße zählen nicht, wie viel Weiße Minister sind. Die Juden sind ein vollständig akzeptierter Teil der US-amerikanischen Kultur geworden. Deshalb brauchen sie keinen Repräsentanten mehr, der ihre gesellschaftliche Bedeutung unterstreicht.

Und die Zukunft? Wahrscheinlich ist es gar nicht so wichtig, was der US-Präsident vom Multikulturalismus hält. Viel entscheidender sind die nüchternen demographischen Zahlen. Zehn Prozent der derzeitigen US-Bürger wurden nicht in den USA geboren - so viele wie seit den 30er Jahren nicht. Und die Tendenz steigt: 2010 wird das Verhältnis 1:7,5 lauten. In Kalifornien und Hawaii sind die Weißen schon jetzt nicht mehr in der Mehrheit, das Gleiche gilt für die Städte New York, Los Angeles und Houston. 2050 werden die USA eine vollkommen multikulturelle Gesellschaft sein, eine Gesellschaft ohne ethnische Mehrheit. Schade, dass ich das nicht mehr erleben werde.

» Mehr lesen + gratis Kino für Sie!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben